Der 25. Juni - Dummheit oder Aggression

Die tatsächliche Geschichte des sowjetisch-finnischen militärischen Konfliktes ist wunderbarer, als das unglaubwürdigste Hirngespinst. 1945 kontrollierte die unbesiegbare millionenstarke Armee des Stalinschen Reiches riesige Räume von der Küste des Gelben Meeres (nordöstliches China) bis zur Adria, von Teheran bis zum Polarkirkenes (Norwegen); sowjetische Panzer fuhren auf den Plätzen von Prag und Wien, nahmen Danzig (Gdansk), Budapest und Berlin im Sturm ein – Es ist ihnen aber nicht gelungen, den Widerstand von Finnland zu brechen, dessen Bevölkerung (von Säuglingen bis Alten) bedeutend geringer, als die Rote Armee war. Nur drei europäische Hauptstädte der europäischen Länder, die am 2. Weltkrieg teilnahmen, wurden von gegnerischen Truppen nicht erobert: Moskau, London und… Helsinki.

Der sowjetisch-finnische Konflikt dauerte viele Jahre lang: Der erste Krieg brach im Winter 1939-1940 aus und der letzte endete offiziell erst Februar 1947 (Die Ratifizierung des Friedensvertrags durch den Obersten Rat der UdSSR erfolgte noch später am 29. August 1947).  Was das von Stalin gegründete „Ersatz - Finnland“– die so genannte „Karelisch-Finnische sozialistische Republik“ betrifft, so überlebte sie ihren Schöpfer und existierte als Teil der Sowjetunion bis zum 16. Juli 1956, und dabei wurde die Entscheidung über ihre Auflösung von demselben Marschall Woroschilow unterschrieben (der das Amt des Leiters des Obersten Rates der UdSSR bekleidete), der im Dezember 1939 (als Verteidigungsminister der UdSSR) den schandhaft gescheiterten „triumphalen Marsch auf Helsinki“ geführt hatte.   

Das Wunderbarste an dieser ganzen Geschichte ist vielleicht, daß fast keiner etwas davon mehr weiß. Wörter, wie „vergessener“, „unbekannter“, „verlorengegangener Krieg“ passen am besten zum sowjetisch-finnischen Krieg, dessen dramatische Ereignisse sich in grandiösen Erschütterungen des 2. Weltkrieges auflösten. Es ist schwer (sogar unmöglich), sich einen Amerikaner oder Engländer vorzustellen, der nicht weiß, dass die Armee seines Landes in den Jahren des 2. Weltkrieges auf dem europäischen Kontinent gekämpft hat. Unwiederbringliche Verluste der Roten Armee in allen sowjetisch-finnischen Kriegen (1939-1944) waren bedeutend höher, als die Zahl der toten Soldaten der Alliiertenarmeen bei der Befreiung von Westeuropa,  aber dabei konnten nicht nur Leute „von der Straße“, sondern auch Absolventen der Fakultäten für Geschichte an sowjetischen Universitäten kaum zumindest annährende Daten des Beginns und der Beendigung des sowjetisch-finnischen Krieges, seine wichtigsten Phasen und Ergebnisse nennen.

Das Buch von M. Solonin „Der 25.Juni: Dummheit oder Aggression?“ hat zum Ziel, diese Lücke in der Geschichte zu füllen. Das Buch ist dem am wenigsten erforschten Zeitraum des sowjetisch-finnischen Konfliktes gewidmet – den Ereignissen im Sommer 1941 und vor allem dem massierten Angriff der sowjetischen Luftstreitkräfte auf finnische Objekte, der beim Tagesanbruch des 25. Junis stattfand und als „Auslöser“ für den Beginn des 2. sowjetisch-finnischen Krieges diente.

Als Basis für die Studie diente eine riesige Menge der in den letzten Jahren freigegebenen ursprünglichen Dokumente der sowjetischen militärischen und politischen Führung, der Archive der kommunistischen Internationale; viele von den im Buch angeführten Dokumente hat niemand ab dem Zeitpunkt deren Hinterlegung im Archiv gesehen! Vor den Augen des Lesers entfaltet sich ein überraschendes Bild der ununterbrochenen Versuche Stalins, „das finnische Käferchen“ zu vernichten – mit dem Krieg, einer Wirtschaftsblockade zu vernichten, mit Hunger zu erwürgen, mit einer bewaffneten Meuterei von innen zu untergraben. Diese Anstrengungen, denen ein neuer unvergleichlich großmaßstäblicherer (gegenüber dem Winter 1939-1940) bewaffneter Überfall die Krone aufsetzen sollte, endeten jedes Mal mit fataler Unabwendbarkeit mit vollem Scheitern. Das Schicksal selbst (und M. Solonin präsentierte den Lesern diese Aufzeichnung mit glänzendem Geschick eines Schriftstellers und eines forschenden Historikers) schrieb einen fesselnden Thriller.   

Während M. Solonin die Umstände analysierte, unter denen die höchste militärpolitische Führung der UdSSR die Entscheidung über den riesigen Bombenangriff auf Finnland getroffen hatte – die Entscheidung, die im höchsten Maße komisch war, wenn man die damaligen Umstände berücksichtigt (der angefangene Krieg gegen Deutschland, die schwersten Verluste, die die sowjetischen Luftstreitkräfte an der Westfront erlitten, der hastige Vormarsch der Wehrmacht in die Tiefe des Landes), war er der erste Historiker, der darauf hinwies, dass sich die Ereignisse am 25. Juni 1941 mit noch einem nicht weniger komischen und bis heute nicht erklärten Ereignis verketteten – mit der Verhaftung von K. Meretskow.

Der Armeegeneral K. Meretskow, bis vor kuryem – Chef des Generalstabs der Roten Armee und zum Zeitpunkt der Verhaftung für die Kampfvorbereitung der Truppen zuständiger Stellvertreter des Verteidigungsministers der UdSSR und bevollmächtigter Vertreter der Stawka des Oberkommandos im Leningrader militärischen Bezirk (d.h. an der finnischen Grenze), wurde am 23. Juni nach Moskau (2 Tage vor dem Bombenangriff auf Finnland!) abkommandiert, verhaftet und der Folter unterzogen. Aber im Unterschied zu den Dutzenden anderer höchster sowjetischer Feldherren, die in den Jahren der Stalinschen „Säuberungen“ verhaftet worden waren, wurde Merezkow nicht erschossen – im August 1941 kam er frei, man ernannte ihn zum Oberkommandierenden einer Front, im Weiteren wurde ihm der Titel des Marschalls der Sowjetunion“ verliehen. Indem M. Solonin diese und viele andere Ereignisse vergleicht, Texte der Aufklärungsberichte sorgfältig analysiert, kommt er zu einer erschütternden Hypothese: der sowjetische Überfall auf Finnland am 25. Juni 1941  konnte das Ergebnis einer sorgfältig geplanten Provokation der deutschen Geheimdienste sein. 

Ein weiterer Grund, weshalb die Erforschung der Kampfhandlungen an der Front des 2. sowjetisch-finnischen Krieges von einem ausschließlichen Interesse ist. Im Juni 1941 begann die Rote Armee den Krieg gegen Finnland unter den günstigsten Bedingungen: Die vorzeitig mobilisierten Truppen fingen mit den Kampfhandlungen in dem von ihnen ausgewählten Zeitpunkt an, nach ihren eigenen Plänen, gegen den Gegner, der ihnen in der technischen Ausrüstung bedeutend nachstand. Auf solche Weise dienen reelle Ereignisse als eigenartige „Zeitmaschine“, die die Beantwortung einer der schärfsten Fragen der sowjetischen Geschichte ermöglicht: „Und was hätte im Sommer 1941 passieren können, wenn Stalin schneller, als Hitler gewesen wäre?“.

Das Hauptmaterial des Buches ist um die Darlegung der Geschichte des Bürgerkrieges in Karelien (1918-1921) und um den Überblick des Verlaufes und der Ergebnisse des 1. sowjetisch-finnischen Krieges  ausführlich ergänzt  (der so genannte „Winterkrieg“ 1939-1940), was die Möglichkeit gegeben hat, die dramatischen Ereignisse des Sommers 1941 in den gesamten historischen Kontext mit einfließen zu lassen.  

 

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort

Literaturübersicht, zusammengestellte historische Konzepte, Polemik mit russischen Historikern, Festlegung der Forschungsaufgaben

 

Teil 1. Der erste Versuch 

Kapitel 1.1. Finnland, Karelien, Russland

Übersicht der wenig bekannten Ereignisse der Revolution und des Bürgerkrieges in Finnland und im Norden Russlands (1918-1921) antikommunistische Bauernaufstände in Karelien und die Teilnahme finnischer Freiwilliger daran

Kapitel 1.2.Große Zwischenfälle an der Grenze im Dorf Mainilla…

Molotow-Ribbentrop-Pakt und die ersten Schritte Stalins in Richtung Annexion des Baltikums. Was strebte die Sowjetunion bei den Verhandlungen mit der finnischen Delegation im Oktober 1939 an? Militärische und politische Vorbereitung auf den Einmarsch in Finnland

Kapitel 1.3. Das mannigfaltige Wunder des „Winterkrieges“

Detaillierte Analyse der Kampfhandlungen des „Winterkrieges“ (Dezember 1939- März 1940) am Boden, auf dem Meer und in der Luft. Ist die „Mannerheim-Linie“ eine nicht zu überwindende Befestigungszone oder ein tröstender Mythos der sowjetischen Propaganda?  

Kapitel 1.4. Warum hat Stalin Finnland begnadigt?

Warum hat Stalin im März 1940 den Krieg gestoppt, ohne das groß angekündigte Ziel (die so genannte „Volksregierung des demokratischen Finnland“ nach Helsinki zu bringen) erreicht zu haben.  Stalins Strategie in der Anfangsphase des zweiten Weltkrieges. Eigenartige Unterlagen über Expansionspläne der UdSSR in der südlichen Richtung (Rumänien, Türkei, Iran, der Nahe Osten). War Stalin mit den Ergebnissen des „Winterkrieges“ betrübt, begann er an der Kampfmacht der Roten Armee zu zweifeln?

Kapitel 1.5. Fazit und Diskussion

 

Teil 2. Frieden ist Krieg

Kapitel 2.1 Friedensvertrag oder eine „friedliche Atempause“?

Unter welchen Bedingungen wurde der „Winterkrieg“ beendet? Weite und wirtschaftliche Bedeutung des annektierten finnischen Raums. Wurde die Sicherheit der Sowjetunion nach dem ersten erfolglosen Versuch, Finnland zu zerschlagen, gestärkt oder im Gegenteil geschwächt?

Kapitel 2.2.Das finnische Volk wäre glücklich geworden…“

Gründung des „Ersatz -Finnland“ (der Karel-Finnischen sozialistischen Republik) auf dem Gebiet der Sowjetunion  Wozu haben Parteifunktionäre nachts Finnisch gelernt? Blut auf Plätzen finnischer Städte –von finnischen Kommunisten organisierte bewaffnete Unruhen in Turku. „Die Gesellschaft für Frieden und Freundschaft mit der UdSSR“, die es nicht geschafft hat, „der finnischen Bourgeoise das Genick zu brechen“.

Kapitel 2.3. Der unruhige Sommer

Sommer 1940 – die Sowjetunion „setzt Finnland unter Druck“. Der sowjetische Stützpunkt auf der finnischen Halbinsel Hanko ist der Brückenkopf für einen Angriff auf Helsinki. Wozu wurden auf Hanko die 305 mm überschweren Geschütze auf Eisenbahnplattformen geliefert? Operative Pläne der sowjetischen Ostseeflotte. „Stockholm-Objekt“ auf Kriegskarten sowjetischer Piloten.

Kapitel 2.4.Eindringen, zerstören und beherrschen…“

Operativer Plan des neuen Angriffs auf Finnland, einzigartige Unterlagen aus dem Herbst 1940.

Kapitel 2.5.Die meiste Zeit mit Hitler wurde der finnischen Frage gewidmet…“

November 1940, Molotow in Berlin, die „finnische Frage“ und die erfolglose Verabredung zwischen zwei Diktatoren

Kapitel 2.6. Die letzten Monate des Friedens

Die letzten (vor Anfang des Krieges gegen Deutschland) Versuche Stalins, Finnland „herumzukriegen“. Wirtschafts-(Getreide-)Blockade. „Nickelkrise“ (Konflikt um die Nickelgruben Petsamo). Der finnische Botschafter verlässt Moskau

Kapitel 2.7. Eine sehr aktive Verteidigung

Kräfteverhältnis an der finnisch-sowjetischen Grenze. Operative Pläne der sowjetischen Führung. Spannung wächst.

Kapitel 2.8. Fazit und Diskussion

 

Teil 3. Zehn Tage des Sommers 1941

Kapitel 3.1. Dienstag, der 17. Juni

Wozu wurde die 1. Panzerdivision in die menschenlose Tundra hinter den Polarkreis verlagert?

Kapitel 3.2. „Mit den Kampfhandlungen begannen die  Deutschen..“

Die ersten Stunden des sowjetisch-deutschen Krieges. Kampfhandlungen auf der Ostsee und in der Luft darüber

Kapitel 3.3. Fragenstellung

Die Hauptfrage der Erforschung: wo lag das Ziel und was war das praktische Ergebnis des sowjetischen Bombenangriffs auf Finnland am 25. Juni 1941?

Kapitel 3.4. Bestand und Basieren der gegnerischen Luftstreitkräfte

Die Luftstreitkräfte Finnlands und die Gruppierung der sowjetischen Luftstreitkräfte in der Nähe von Leningrad: Bestand, Bewaffnung, Kraftverhältnis, operative Pläne.

Kapitel 3.5. Flüge als Traum und Realität

Drei letzte Tage des Friedens. Wurde die deutsche Luftflotte auf den finnischen Flughäfen stationiert?

Kapitel 3.6. Schild und Schwert

Sowjetische Bombenflugzeuge und finnische Flugabwehr: Bestand und Kampfmöglichkeiten

Kapitel 3.7. Mittwoch, der 25. Juni

Chronologie der Ereignisse von 25 Juni im Lichte der Unterlagen der sowjetischen militärischen Archive.

Kapitel 3.8.Als erste kein Feuer eröffnen…“

Warum wurde der Luftangriff auf Finnland ganz am Anfang gestoppt? Warum erhielten die Bodentruppen den Befehl „das Feuer nicht eröffnen“?

Kapitel 3.9. Was war das?

Erste Schlussfolgerungen. Bombenangriff  am 25. Juni – eine vernichtende militärische Niederlage mit weitreichenden für die UdSSR äußerst unangenehmen strategischen Folgen.

Kapitel 3.10  Die Verhaftung von Meretskow

Wer und wozu hat die Entscheidung über Angriff auf Finnland getroffen? Sind die Verhaftung des stellvertretenden Verteidigungsministers der UdSSR Armeegeneral Meretskow und der Angriff auf Finnland zwei Bestandteile des teuflischen Spiels der Geheimdienste Hitlers?

 

Teil 4. Niederlage

Kapitel 4.1. „Panzer beginnen ihren verbissenen Feldzug …“

Sowjetische Panzer überschreiten die finnische Grenze. Die Invasion, die von allen vergessen wurde.

Kapitel 4.2. Niederlage

Kurze Übersicht des Verlaufs der Kampfhandlungen im zweiten sowjetisch-finnischen Krieg (Sommer-Herbst 1941)

Kapitel 4.3. Der dritte Versuch

Stalin bricht alle Vereinbarungen mit seinen Alliierten und unternimmt einen neuen Versuch, Finnland unter Anwendung der Waffengewalt zu zerschlagen. Bombenangriffe auf Helsinki im Februar (1944) waren die größte Operation der sowjetischen Bomber im zweiten Weltkrieg. Juni 1944, der Angriff der Roten Armee wurde an den Zugängen zu Südfinnland gestoppt. „Das Schicksaal des Krieges wird nicht in Helsinki, sondern in Berlin entschieden“ – Stalin ist gezwungen, Kampfhandlungen an der finnischen Front einzustellen.

Epilog

Hatte Finnland eine Chance? Mannerheims Fehler und Stalins Verbrechen.


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Vorschau:
Der 25. Juni - Dummheit oder Aggression
Das Wunderbarste an dieser ganzen Geschichte ist vielleicht, daß fast keiner etwas davon mehr weiß. Wörter, wie vergessener, unbekannter, verlorengegangener Krieg passen am besten zum sowjetisch-finnischen Krieg, dessen dramatische Ereignisse sich in grandiösen Erschütterungen des 2. Weltkrieges auflösten. Es ist schwer (sogar unmöglich), sich einen Amerikaner oder Engländer vorzustellen, der nicht weiß, dass die Armee seines Landes in den Jahren des 2. Weltkrieges auf dem europäischen Kontinent gekämpft hat. Unwiederbringliche Verluste der Roten Armee in allen sowjetisch-finnischen Kriegen (1939-1944) waren bedeutend höher, als die Zahl der toten Soldaten der Alliiertenarmeen bei der Befreiung von Westeuropa, aber dabei konnten nicht nur Leute von der Straße, sondern auch Absolventen der Fakultäten für Geschichte an sowjetischen Universitäten kaum zumindest annährende Daten des Beginns und der Beendigung des sowjetisch-finnischen Krieges, seine wichtigsten Phasen und Ergebnisse nennen.

Worin liegt dann der Grund für die nie da gewesene militärische Katastrophe im Sommer 1941? Meine Antwort lautet so: Der Grund dieser Katastrophe liegt außerhalb des Bereiches der Taktik, Strategie, Anzahl und Qualität der Kampfgeräte oder des berüchtigten deutschen plötzlichen ersten Angriffes. Die Sowjetunion und ihre Armee waren auf den Krieg nicht vorbereitet, was die den Kampfgeist und die Organisation anbetrifft. Die Soldaten waren nicht bereit, sich selbst für den Kampf zwischen Stalin und Hitler um die Beute aufzuopfern. Aber trotz der kolossalen technischen und personellen Verluste ist es der Roten Armee nicht gelungen, zu einem adäquaten Instrument für einen langen blutigen Konflikt zu werden. Massenhafte Fahnenflucht, Gefangenschaften, zurückgelassene Waffen (Gewehre, sowie schwere Panzer) dominierten in der sowjetischen Armee. Wenn man es einfacher sagt, so waren es nicht zwei auf dem Gefechtsfeld kämpfende Armeen, es gab eine gut organisierte deutsche Armee und einen nicht kontrollierten panikergriffenen Haufen bewaffneter Sowjets, der schnell zu einer Menge Gefangener und Fahnenflüchtiger wurde.
Unsinnige Erfindungen über durch einen plötzlichen Angriff vernichtete Flugzeuge war für sowjetische Propagandisten aus zwei Gründen vom Vorteil: Erstens passte diese These perfekt zu dem für die ganze sowjetische Mythologie wichtigsten Sinnbild des ruhig schlafenden sowjetischen Landes, dessen Leitung angeblich gar an keinen Krieg dächte. Zweitens gab sie die Möglichkeit, sich der tatsächlich wichtigen Diskussion zu entziehen: Warum konnten die riesigen sowjetischen Luftstreitkräfte, die mehrmals dem Gegner ums mehrfache zahlenmäßig überlegen waren, keinen mehr oder weniger bedeutenden Einfluß auf den Verlauf der Kampfhandlungen der ersten Tage und Wochen des sowjetisch-deutschen Krieges ausüben? Eine absurde These über die auf den ruhig schlafenden Flugplätzen zerstörten Flugzeuge, die außer den unendlichen unsinnigen Wiederholungen von nichts bestätigt wurde, überlebte ihre Schöpfer und wurde von den meisten Westhistorikern und journalisten in vollem Maße als eine festgestellte historische Tatsache wahrgenommen.
Das Wunderbarste an dieser ganzen Geschichte ist vielleicht, daß fast keiner etwas davon mehr weiß. Wörter, wie vergessener, unbekannter, verlorengegangener Krieg passen am besten zum sowjetisch-finnischen Krieg, dessen dramatische Ereignisse sich in grandiösen Erschütterungen des 2. Weltkrieges auflösten. Es ist schwer (sogar unmöglich), sich einen Amerikaner oder Engländer vorzustellen, der nicht weiß, dass die Armee seines Landes in den Jahren des 2. Weltkrieges auf dem europäischen Kontinent gekämpft hat. Unwiederbringliche Verluste der Roten Armee in allen sowjetisch-finnischen Kriegen (1939-1944) waren bedeutend höher, als die Zahl der toten Soldaten der Alliiertenarmeen bei der Befreiung von Westeuropa, aber dabei konnten nicht nur Leute von der Straße, sondern auch Absolventen der Fakultäten für Geschichte an sowjetischen Universitäten kaum zumindest annährende Daten des Beginns und der Beendigung des sowjetisch-finnischen Krieges, seine wichtigsten Phasen und Ergebnisse nennen.
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