Kapitel 8. Strategische Entfaltung

        Nachdem wir mit allen Hypothesen (vorläufig) aufgeräumt haben, kommen wir wieder auf die Kriegsgeschichte, d.h. auf die genaue Wissenschaft der Zahlen, Daten, Dokumente zurück.

Beginnen wir, wie es sich in der Wissenschaft gehört, mit Begriffen und Bestimmungen. Was konkret bedeuten die Worte „strategische Entfaltung“, die von im vorigen Kapitel so oft vorkommen? In der Sprache der Kriegsakademien lautet die Antwort auf diese Frage ungefähr so: "Unter der strategischen Entfaltung versteht man die Maßnahmen und Handlungen zur Versetzung der Streitkräfte vom Friedenszustand  in den  Kriegszustand und Aufstellung der Gruppierungen von SK auf Kriegsschauplätzen. 

Die wichtigsten Bestandteile der strategischen Entfaltung sind:
- die Versetzung der Streitkräfte vom Friedenszustand in den Kriegszustand (Mobilisationsentfaltung),
- operative Entfaltung (Aufstellung der Truppengruppierungen von SK auf Kriegsschauplätzen)

- strategische Verlagerungen der Truppen aus inneren Bezirken des Landes auf Kriegsschauplätze und dazwischen,
- Entfaltung der erstrangigen strategischen Reserven".
        
Aus der akademischen in die menschliche Sprache übersetzt bestand die strategische Entfaltung - in Bezug auf die Rote Armee im Jahre 1941 (und nicht auf irgendwelche andere Armee der Welt generell) – darin, dass:

-  erstens muss man den technischen und personellen Bestand der Armee in der Friedenszeit auf die vorgegebene Sollstärke erhöhen

-  zweitens, Truppen, Technik und Munition in Eisenbahnzüge laden und sie in westliche Gebiete der UdSSR transportieren

-  drittens, Soldaten, Kanonen und Panzer von den Zügen abladen und sie in die Bezirke transportieren, wo sie sich auf Kampfhandlungen vorbereiten und auf den Befehl warten sollten.

         Die Besonderheit der strategischen Entfaltung der Roten Armee bestand vor allem in zwei Punkten.

Einer davon wurde von uns schon im Kapitel 2 besprochen, weil er aber ausschließlich bedeutend ist, lohnt es sich zu wiederholen: Die Divisionen (Regimente, Brigaden) der Roten Armee wurden schon im Laufe der geheimen Vorkriegsmobilmachung fast vollständig auf die vorgegebene Kriegsstärke erhöht. Es wurde geplant, innerhalb der ersten drei Monate nach Erklärung der offenen Mobilmachung eine nur ganz begrenzte (30, d.h. ungefähr 15% von der ursprünglichen Anzahl) Anzahl der Schützendivisionen aufzustellen. Schützendivisionen. Alle Panzerdivisionen und motorisierte Divisionen, einzelne Artillerieregimente und Brigaden wurden schon im Laufe der zwei Jahre langen geheimen Mobilmachung aufgestellt (dabei entsprach ihre Stärke der Kriegsstärke oder so genannten „verstärkten“ Stärke, die 80% von der Kriegsstärle betrug). Somit handelte es sich bei der Mobilisationsentfaltung der Roten Armee in der ersten Phase nur darum, die bestehenden Truppenteile und Verbände um Personal und Pferde, Kraftfahrzeuge und Traktoren zu ergänzen. 

        Die zweite Besonderheit des strategischen Entfaltung des Heeres der Sowjetunion bestand in der riesengroßen Weite des russischen Raumes, wodurch der Umfang und die Dauer der Eisenbahntransporte ungewöhnlich groß waren. Riesige Dimensionen des Landes sind ein zweifelloser und für die Vorbereitung und Kriegsführung sehr bedeutender Vorteil. Deutsche Generäle wären sehr glücklich, wenn sie Panzer- und Artilleriewerke, chemische Kombinate, die Sprengstoff herstellten, und Ausbildungszentren, die Soldaten und Offiziere ausbildeten, mehrere Tausend Kilometer von der Grenze entfernt hätten haben können. 

Aber die geografischen Bedingungen des Landes boten ihnen diese durchaus sehr günstige Möglichkeit nicht, deshalb wurden Hunderte Tausende Bomben der englisch-amerikanischen Luftwaffe auf alle Industriezentren Deutschlands ohne Ausnahme abgeworfen. Daß in der UdSSR ein Zug mit Panzern vom Werk in Tscheljabinsk bis zur Front eine Woche lang unterwegs sein musste, ist nur eine „Besonderheit“, der man beim Zusammenstellen der strategischen Entfaltungpläne Rechnung getragen werden muß, und keinesfalls ein „Unglück“, um welches man in historischen Büchern abermals trauern muß.     

         In konkreten Zahlen sah das Bild wie folgt aus. Im Frühling 1941 dienten in allen Streitkräften der UdSSR (Heer, Luftstreitkräfte, Flotte) 4,8 Mio. Personen. Im Mai-Juni wurden im Laufe der so genannten „großen Wehrübungen“ (das war keine Improvisierung, sondern eine ursprünglich ausgeklügelte und auf diesen Namen getaufte Operation) weitere 802 Tausend Personen per Einberufungsbescheid, ohne offene Erklärung der allgemeinen Mobilmachung mobilisiert. Insgesamt: wurden 5,6 Mio Personen in die Armee bis zum 23. Juni 1941 eingezogen. Aber nach der ganzen Mobilmachung aller Militärbezirke des europäischen Teils der UdSSR (einschließlich der Uraler und Nordkaukasischen Bezirke) sollte die Gesamtstärke der Streitkräfte laut Plan MP-41 7,85 Mio. Personen betragen. (3, S. 83, 4, S. 643) Wenn wir eine Zahl durch eine andere dividieren, bekommen wir den so genannten „Entfaltungkoeffizienten“, d.h. einen Maßstabskoeffizienten des Wachstums der Armeestärke.  In der UdSSR war er ganz gering, nur 1,40. oder in anderen Worten betrug schon die Friedensstärke 71% von der Kriegsstärke. In anderen Ländern Europas stieg die Armeestärke nach der Mobilmachung ums mehrfache. So wurden in Deutschland bis zum 25. August 1939 (5 Tage vor Kriegsbeginn) nur 35% der Divisionen des Heeres der Kriegszeit mobilisiert. In Frankreich wurde die Armee ab Beginn der Mobilmachung vervierfacht, und im bettelarmen Finnland, das sich in der Friedenszeit keine große Armee leisten konnte, - verneunfacht…

 

…. Die Mobilisationsentfaltung (Mobilmachung) ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Bestandteil der ganzen strategischen Entfaltung. Und jetzt sprechen wir darüber, wie drei andere miteinander zusammenhängende Aufgaben gelöst wurden (strategische Verlagerungen der Truppen aus den Innenbezirken des Landes auf Kriegsschauplätze, Bildung und Aufstellung der Truppengruppierungen auf den Kriegsschauplätzen, Entfaltung der erstrangigen strategischen Reserven). 

        Das letzte Dokument der bekannten Dokumente der Vorkriegszeit – die Auskunft „Über die Entfaltung der Streitkräfte der UdSSR im Falle eines Krieges im Westen“, unterschrieben vom stellvertretenden Chef des Generalstabs der Roten Armee N. Watutin am 13. Juni 1941– sah die folgende Verteilung der Bodentruppen vor: (ZAMO, F.16А, G. 2951, D.236, L. 65-69 )

 - 186 Divisionen (von 303), 10 (von 10) Panzerabwehratrilleriebrigaden, 5 (von 5) Fallschirmjägerkorps,

     53 (von 74) Artillerieregimente aus dem Bestand der Reserven des Oberkommandos der bestehenden Fronten

 -   51 Divisionen in fünf (22., 19., 16., 24., 28.) Reservearmeen des Oberkommandos, die im Bereich von der Westgrenze bis zur Linie Brjansk-Rzhew entfaltet wurden   

 -   31 Divisionen im Fernen Osten (in den Truppen des transbaikalischen Militärbezirkes und der Fernostfront)

 -   35 Divisionen auf den „zweitrangigen Abschnitten der Staatsgrenze“ (laut Text  - М.S.), und auch 3 Divisionen auf der Krim.

        Von 186 Divisionen, die den bestehenden Fronten im Westen zugeteilt wurden, wurden 100 (mehr als die Hälfte) in der Ukraine, Moldawien und auf der Krim entfaltet. Dort sollte sich auch die Hälfte aller Panzerdivisionen (20 von 40) und motorisierten Divisionen (10 von 20) konzentrieren, um die die bestehenden Fronten ergänzt wurden. 23 (die 16. und 19. Armeen) der 51 Divisionen der Reserve des Oberkommandos konzentrieren sich unmittelbar hinter der Südwestfront (der Kiewer Sondermilitärbezirk).    (6, S.358-361)

        Auch wenn dieses Dokument die einzige Quelle der Informationen über die Vorkriegssowjetunion wäre, so könnte man auch dann aufgrunddessen irgendwelche „strategische Plötzlichkeit“ des am 22. Juni 1941 angefangenen Krieges kategorisch verneinen. Die Rote Armee wartete auf den Krieg, sie bereitete sich auf den Krieg vor, und diese Vorbereitung wurde zu einer strategischen Verlagerung der Kräfte eines riesigen Maßstabes. Der Standort der aufzustellenden Grupperungen war offenbar nicht zufällig. Ganz offenbar ist eine große Konzentration der Kräfte in der westlichen Richtung, und im Rahmen dieser Richtung – auf dem südlichen Kriegsschauplatz (Ukraine). Das Dokument lässt keine Vermutung zu, dass diese Konzentration offensiv oder defensiv ausgerichtet war, aber die Tatsache selbst, daß irgendwelcher Großer Plan vorlag, für dessen Erfüllung eine solche Gruppierung aufgestellt wurde, erregt keine Zweifel.

        Die Auskunft, die von Watutin am 13. Juni 1941 unterschrieben wurde, enthält keine einzige Erwähnung über die Aufgaben und Pläne des Truppeneinsatzes. Nur Zahlen, Armeenummern, Truppenentladungsstationen, die erforderliche Anzahl der Waggons und Züge. Aber wir haben eine Möglichkeit, die tatsächliche Entfaltung im Juni 1941 mit den bekannten Varianten des operativen Plans zu vergleichen. Z.B., mit den „Überlegungen über den Plan der strategischen Entfaltung der sowjetischen Kräfte im Mai im Falle eines Krieges gegen Deutschland und seine Verbündeten“ (Mai 1941), um deren eindeutig offensiven Charakter es sich im vorigen Kapitel handelte. Indem wir gegen die chronologische Reihenfolge ein wenig verstoßen, geben wir auch Aufschluß über den tatsächlichen Zustand der Roten Armee zum Stand am 22. Juni 1941.

 

 

"Überlegungen ", Mai 1941

    "Auskunft" vom 13.06.

    Faktische Konzentration zum Stand vom 22. Juni  1941

Nordfront

drei Armeen,

21. / 4. / 2.

------   22. / 4. / 2.

die 14., 7., 23. Armeen,  21. / 4. / 2.   

Nordwestfront

drei Armeen,

23. / 4. / 2.

------   23. / 4. / 2.

die 27., 8., 11. Armeen,  25. / 4. / 2.   

Westfront

vier Armeen,

45. / 8. / 4.

------   44. / 12. / 6.

die 3., 10., 4., 13. Armeen,  44. / 12. / 6.   

Südwestfront

acht Armeen,

122. / 28. / 15.

----- 100. / 20. / 10.

die 5., 6., 26., 12., 18., 9. Armeen, 80. / 20. / 10.   

Armeen der Reserven des Oberkommandos

fünf Armeen,

47. / 12. / 8.

fünf Armeen, 

51. / 11. / 5.

die 22., 20., 21., 19., 16., 24., 28. Armeen, 77. / 5./ 2.   

 

           Anmerkung:

-  die erste Zahl bedeutet die Gesamtzahl der Divisionen, die zweite Zahl bedeutet u.a. Panzerdivisionen, die dritte - u.a. motorisierte Divisionen

-  am 21. Juni wurden die Truppen, die auf dem südlichen Kriegsschauplatz entfaltet wurden, in zwei Fronten: Südwest und Südfront aufgeteilt, in der Tabelle wurde die Gesamtzahl der Divisionen an zwei Fronten auf der Krim angegeben

- laut Deckungsplan wurden mit dem Beginn der Kampfhandlungen zwei Divisionen der Nord-Westfront, die in Estland entfaltet wurden, an die Nordfront verlagert, aber in der Tabelle ist das nicht dargestellt.

 

        Es ist nicht schwer, sich zu überzeugen, dass die reelle Konzentrierung der Truppen in westlichen Gebieten der UdSSR in direkter Übereinstimmung mit den „Überlegungen über den Plan des strategischen Entfaltung im Mai“ stattfand.

        In drei Bezirken (im Leningrader, Baltischen, Westlichen Bezirk), die sich in die Nord-, Nordwest- und Westfront dementsprechend verwandelten, stimmte der Plan vom Mai mit dem von Juni fast genau überein.  Die Differenz betrug nur 4 Panzerdivisionen und 2 motorisierte Divisionen, d.h. die scheinbare Vergrößerung der Gruppierung der Westfront um 2 mechanisierte Korps ist höchstwahrscheinlich das Ergebnis einer reinen Bürooperation. Keine neuen mechanisierten Korps erschienen in Weißrussland, die aufzustellenden 17. und 20. mechanisierten Korps, die in den „Überlegungen vom Mai“ nicht berücksichtigt wurden, wurden ins Gesamtverzeichnis laut Auskunft vom 13. Juni aufgenommen. 

        Eine bedeutend größere Nichtübereinstimmung wird im Süden festgestellt, obwohl die Änderungen dort vor allem auf Papier, und nicht vor Ort erfolgten. Die wichtigste Einsatzgruppierung der Südwestfront wurde nicht durch die Schwächung von drei anderen Fronten, sondern durch die Verlagerung von 20 Divisionen aus dem Kharkower, Orlower und Privolzhski Militärbezirke in den Kiewer Sondermilitärbezirk aufgestellt.  Aber in der zweiten Junihälfte erfolgte eine weitere Umverteilung der Kräfte zwischen der Ersten und der Zweiten strategischen Staffel. Die Truppen der Innenbezirke wurden organisationmäßig dem Kiewer Sondermilitärbezirk (der Südwestfront) nicht zugeteilt, sondern für die Entfaltung der Reservearmeen (der Zweiten strategischen Staffel) verwendet. Somit entstanden zwei neue Armeen, die in der Auskunft vom 13. Juni nicht erwähnt wurden: die 20. und die 21. Armee.

         Die Gesamtzahl der Divisionen in den Reservearmeen des Oberkommandos stieg von 51 auf 77, dagegen stellte sich heraus, daß die Gruppierung der ersten strategischen Staffel auf dem südlichen Kriegsschauplatz (Südwest- und Südfront) 20 Schützendivisionen weniger hatte, als es am 13. Juni 1941 vermutet worden war. Nichtsdestotrotz blieb die Konzentration der Kräfte in der südlichen Richtung ebenso stark ausgeprägt: im rückwärtigen Gebiet der Südwestfront entfalteten sich jetzt drei Reservearmeen (die 16. Armee bei Proskurow-Schepetowka, die 19. Armee bei Tschekassy, die 21. Armee bei Tschernigow).

          Bedeutend wichtiger ist nicht die Umverteilung derselben Korps und Divisionen aus dem Bestand einer Armee in eine andere in Papierform, sondern der tatsächliche Verlauf der strategischen Umgruppierung der Truppen aus Innenbezirken des Landes auf den zukünftigen Kriegsschauplatz. Am 22. Juni war sie noch weit von ihrer Vollendung entfernt. Von 77 Divisionen der zweiten strategischen Staffel kamen in den Plangebiete der operativen Entfaltung nicht mehr als 17-20 Divisionen an. "Der Gesamtumfang der Transporte der Militärverbände betrug 939 Eisenahnzüge. Der verzögerte Truppenaufmarsch und die späten Konzentrierungstermine wurden durch Tarnmaßnahmen und Verharren der Eisenahnen in der Betriebsart der Friedenszeit bestimmt. Am Kriegsbeginn kamen nur 83 Militärzüge in den Bestimmungsorten an, 455 waren unterwegs… " (3, S. 84)

          Der Satz über „Tarnmaßnahmen und Verharren der Eisenahnen in der Betriebsart der Friedenszeit “ verdient besondere Aufmerksamkeit. Für millionenstarke Armeen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Eisenbahn zur wichtigsten Bewaffnung, die den Ausgang der wichtigsten Schlachten der 2 Weltkriege weitgehend vorherbestimmte. Dementsprechend hatten alle Länder (vor allem die über solche riesigen Streitkräfte verfügenden Länder, wie Deutschland und die UdSSR) noch in der Friedenszeit entwickelte Pläne zur Umstellung des Eisenbahnverkehrs auf „maximale Kriegstransporte“. Die Bedeutung des Begriffes und des Ablaufs ist klar genug: Alle Züge, Güter und Fahrgäste warten, bis Züge mit Truppen, Technik und Munition in die von ihnen gewünschte Richtung fahren. Außerdem werden Mobilisationsvorräte an Kohle, Dampflokomotiven, Waggons aus der Reserve geholt, die bewaffnete Bewachung der Eisenbahnstationen und –strecken wird verstärkt. Der Zeitplan der Kriegstransporte im europäischen Teil der UdSSR wurde (am 12. September 1939) sogar in der Phase der strategischen Entfaltung der Roten Armee vor dem Krieg gegen das durch das Eindringen der Wehrmacht zur Hälfte zerstörte Polen eingeführt (1, S. 110). Aber im Juni 1941 wurde nichts dergleichen gemacht!

          Nach den Berechnungen, die in Vorkriegsplänen des sowjetischen Kommandos enthalten waren, brauchte der Gegner (die Deutschen) von 10 bis 15 Tage, und die Rote Armee von 8 Tagen für die Nord- und bis 30 Tage für die Südwestfront, die für alle Transporte gemäß den Plänen des strategischen Entfaltung der Truppen notwendig waren. In der Tat beschleunigten beide Seiten (Deutschland und die UdSSR) die Truppenkonzentrierung nicht, sondern zögerten diese im Gegenteil hinaus. Das Hinauszögern auf beiden Seiten hatte einen klaren Grund - den Feind frühzeitig nicht aufzuschrecken. 

        Es ist schwer zu sagen, welches Ereignis man als Beginn der Konzentrierung der deutschen Truppen an der Grenze zur UdSSR ansehen soll (die ersten Divisionen der Wehrmacht wurden nach dem Osten fast sofort nach Beendigung der Kämpfe in Frankreich verlegt), aber in jedem Fall wurde die strategische Entfaltung für das Unternehmen Barbarossa mindestens auf 4 Monate hinausgezögert. Der Verlagerungsplan wurde in 5 Etappen Phasen, dabei wurden in den früheren Phasen an die sowjetischen Grenzen nur Teile der Infanterie verschoben. Anfang April 1941 zählte die Gruppierung der deutschen Truppen im Osten nur 43 Infanterie- und 3 Panzerdivisionen, obwohl die sowjetische Aufklärung diese Zahl in ihren Berichten traditionell fast verdoppelte (bis 70 Infanterie-, 7 Panzerdivisionen und 6 motorisierte Divisionen ), eine solche „Konzentrierung“ gab keinen Grund dafür, einen schnellen Einmarsch der Wehrmacht zu vermuten. Bis Mitte Mai wurde die deutsche Gruppierung um 23 Infanteriedivisionen und eine motorisierte Division erhöht. (1, S. 304-305 ) Das wurde von der sowjetischen Aufklärung auch festgestellt, aber auch sie passte in die von Hitlerschen Geheimdiensten verbreitete Version von „den minimalen Vorkehrungen“, die gegen den ziemlich unzuverlässigen „Partner“ in der Teilung Europas getroffen wurden. 

         Wie oben erwähnt, wurde der Invasionstermin (22. Juni 1941) von Hitler am 30. April festgelegt, damals wurde die Entscheidung getroffen, die Eisenbahn auf die maximalen Kriegstransporte ab dem 23. Mai umzustellen. Aber auch danach wurde die die ganze Absicht enttarnende Verlegung der Panzerdivisionen und motorisierten Divisionen, wie es heißt, „bis zur letzten Minute“ hinausgezögert. So wurden z.B. fünf Panzerdivisionen der Heeresgruppe „Süden“ zwischen 6. und 16. Juni in Züge geladen und erreichten die Entladungsstationen in Südpolen (Ljublin-Sandomir-Sheschuw) erst am 14.-20. Juni. Drei Divisionen (die 13., die 14. und die 11. Panzerdivisionen) drangen unmittelbar in den 25-40 km von der sowjetischen Grenze entfernten Raum der Konzentrierung und Entfaltung geradezu in den letzten Stunden vor der Invasion vor, und zwei andere (die 16. und die 9. Panzerdivision) befanden sich noch am Abend des 21. Juni auf dem Marsch 100-150 km von der Grenze entfernt. (33, S. 37, 108) 

         Es ist kein Wunder, dass bis zum Sonntagsmorgen des 22. Juni 1941 die Konzentrierung der sowjetischen Armeen der zweiten strategischen Staffel noch nicht abgeschlossen wurde. Das Oberkommando der Roten Armee handelte nach seinem eigenen Zeitplan der Entfaltung, bei dessen Zusammenstellung der deutsche Einmarsch nicht vorgesehen war. "Die Truppenverlegung war unter Berücksichtigung der Vollendung der Konzentrierung in den durch die operativen Pläne bestimmten Bezirken vom 1. Juni bis zum 10. Juli 1941 geplant". Allein für diesen einzigen Satz sollte man die Autoren der kollektiven Monografie „1941 – Lehren und Schlußfolgerungen“ auch damals, 1992 mit der Medaille „Für den Mut“ auszeichnen!

         Am frühesten begannen den Aufmarsch die in Transbaikalien und in der Mongolei stationierten Verbände der 16. Armee und des 5. mechanisierten Korps. Am 26. April erließ der Generalstab eine vorläufige Verordnung an die Militärräte des Transbaikalischen und Fernöstlichen Militärbezirke, am 22. Mai wurde mit der Beladung der ersten Teile in die Züge begonnen, die angesichts einer langen Strecke und der Tatsache, dass die Eisenbahn auch weiter nach dem Arbeitzeitsplan der Friedenszeit betrieben wurde, im Gebiet Berditschew – Proskurow - Schepetowka zwischen dem 17. Juni und dem 10. Juli hätten eintreffen sollen. 

         Vom 13. bis zum 22. Mai gingen die Verordnungen des Generalstabes über den Beginn des Vordringens von zwei weiteren Armeen der Reserve des Oberkommandos zur westlichen Grenze zu.  Die 22. Armee zog in Richtung Welikije Luki - Witebsk mit dem Termin der Konzentrierungsbeendigung 1.-3. Juli, die 21. Armee konzentrierte sich im Gebiet Tschernigow – Gomel - Konotop zum 2. Juli. Am 29. Mai wurde die Entscheidung über die Aufstellung der 19. Armee und ihre Entfaltung im Raum Tscherkassy – Belaja Zerkow bis zum 7. Juli getroffen. Frühestens am 13. Juni wurde die Entscheidung über die Aufstellung einer weiteren Armee, und zwar der 20. Armee auf Basis von Verbänden der Orlower und Moskauer Militärbezirke getroffen, die sich bei Smolensk bis zum 3-5 Juli hätte konzentrieren müssen.

         Noch einmal wiederholen wir, dass alle diese Transporte, nur vorausgesetzt, daß "die Eisenbahn weiter nach dem Arbeitszeitplan der Friedenszeit betrieben wird", und unter Einhaltung von absolut präzedenzlosen  strengen Geheimhaltungsmaßnahmen geplant wurden.  So gab der Verteidigungsminister am 12. Juni 1941 in der Weisung Nr. 504206 folgende Anweisungen an den Befehlshaber des Kiewer Sondermilitärbezirkes: "Über die Ankunft der Teile der 16. Armee soll außer Ihnen, dem Mitglied des Militärrates und Stabschef des Bezirks, niemand wissen… Offene Telefon- und Telegraphengespräche über die Ankunft, Entladung und Standort der Truppen, auch ohne Benennung der Teile sind strengstens verboten… Decknamen ist bei jedem Schriftverkehr zu verwenden, darunter auf den Umschlägen streng vertraulicher Dokumente anzugeben. ( 6, S. 352 )

         Aus einer großen Menge der Maßnahmen mit der Erfüllungsfrist „bis zum 1. Juli 1941“ soll die am 4. Juni auf der Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei getroffene Entscheidung  "die Aufstellung einer Schützendivision in der Roten Armee freigeben, deren Personal polnischer Nationalität und der polnischen Sprache mächtig ist " uns nicht entgehen. ( 48 )  Nationale Aufstellungen in der Roten Armee waren zu  damaliger Zeit bereits seit langem aufgelöst. Außerdem handelt es sich in der Entscheidung des Politbüros nicht einfach um Menschen polnischer Abstammung, sondern gerade um die Menschen, die Polnisch können (was unter bestimmten Bedingungen der multinationalen Sowjetunion, mit vielen gemischten Ehen und assimilierten nationalen Gruppen, gar nicht dasselbe bedeutete). Der einzige ähnliche Fall passierte am 11. November 1939. Damals, 20 Tage vor Beginn der geplanten „Befreiung“ Finnlands wurde die Entscheidung über die Aufstellung der 106. Schützendivision getroffen, die ausschließlich mit Personen aufgestellt wurde, die Finnisch und Karelisch konnten.  (49, S. 137)

        Vehemente Widersacher der Version von W. Suworow vollschrieben endlose Haufen Papier für Schundwerke, für alle diese „Antisuwurows“, „Mythos des Eisbrechers“ u.s.w, ließen sich aber bis heute nicht herab, die einfache Frage zu beantworten: wozu brauchte Stalin zum 1. Juli 1941 eine Division, die Polnisch sprach? Brauchte die UdSSR für die Verteidigung der unverbrüchlichen Grenzen auch dringend Polen?

         Eine Welle großer Truppenumgruppierung rollte vom weiten Fernen Osten über Kriegsbezirke der europäischen UdSSR bis zu den westlichen Grenzbezirken. Mitte Juni waren die Maßnahmen an der Reihe, die sich vor der feindlichen Aufklärung am schwierigsten verbergen ließen – es begann die Verdichtung der operativen Aufstellung der Truppen der Ersten strategischen Staffel. Im Zeitraum zwischen dem 12. und dem 15. Juni erhielt das Kommando der westlichen Grenzbezirke Befehle, den Aufmarsch der Divisionen der Bezirks- (Front)reserve in die Nähe der Staatsgrenze zu beginnen. So stand in der Weisung des Verteidigungsministers Nr. 504205 vom 13. Juni 1941 an den Kiewer Sondermilitärbezirk folgendes:

         "Um die Kampfbereitschaft der Truppen des Militärbezirks zum 1. Juli (von mir unterstrichen – M.S.) zu erhöhen, sind alle in der Tiefe befindlichen Divisionen mit Korpsführungen, mit Korpsteilen näher an die Staatsgrenze in neue Lager zu verlegen… Das Vorstoßen der Truppen soll streng geheim erfolgen. Der Marsch soll mit taktischen Wehrübungen nachts stattfinden. Mit den Truppen sind die zu befördernden Vorräte an Brennhilfsmitteln und Treib- und Schmierstoffen vollständig abzutransportieren.  Familien nicht mitnehmen. Bericht über die Erfüllung per Eilboten bis zum 1. Juli 1941 zustellen" (6, S. 359)

           Der Befehl wurde dringend zur Erfüllung angenommen. Marschall Bagramjan (damals der Chef der operativen Abteilung, stellvertretender Stabschef des Kiewer Sondermilitärbezirkes) beschreibt diese Ereignisse in seinen Memoiren, wie folgt:

    "… Am15. Juni erhielten wir den Befehl, ab dem 17. Juni den Aufmarsch aller 5 Schützenkorps der zweiten Staffel in Richtung Grenze zu beginnen. Alles war bei uns bereits vorbereitet (von mir unterstrichen – M.S.): Noch Anfang Mai stellten wir auf Verordnung von Moskau eine wichtige Arbeit fertig – verfassten Weisungen an Korps, führten die Erkundung der Marschrouten und Konzentrationsgebiete durch. Und damals blieb es noch übrige, den Ausführenden einen Befehl zu geben… Die Divisionen nahmen alles für den Kampf Notwendige mit.  Aus den Geheimgründen mußten die Truppen nur nachts vorstoßen. Der Plan wurde detailliert bearbeitet… Damit die Hitleristen unser Vorstoßen nicht bemerken, wurden die Konzentrationsgebiete der Korps nicht an der Grenze selbst, sondern mehrere Tagesmarschstrecken östlicher davon gewählt.  (45, S. 75)

        Die Weisung mit einem ähnlichen Inhalt und unter Angabe desselben Datums der Konzentrierungsbeendigung – bis zum 1. Juli – ging auch im westlichen Sondermilitärbezirk ein. (6, S. 423) Bis zum 15. Juni wurde mehr als die Hälfte der Divisionen, die die zweite Staffel und die Reserve der Westlichen Militärbezirke bildeten, in Bewegung gesetzt. Am Vorabend des Krieges gingen (schlichen) 32 Divisionen der Westbezirke heimlich, im Nachtmarsch, über Wälder und Moore zur Grenze. Oberst Nowitschkow, der am Kriegsanfang der Stabschef der 62. Schützendivision der 5. Armee des Kiewer Sondermilitärbezirkes war, erinnert sich daran : "Teile der Division zogen aus dem Lager in Kiwerzi (ungefähr 80 km von der Grenze entfernt – M.S.) und, nachdem sie zwei Märsche gemacht hatten, erreichten sie bis Morgen des 19. Juni den Verteidigungraum, aber sie besetzten die Verteidigungsstellunen nicht, sondern konzentrierten sich in Wäldern (von mir unterstrichen – M.S.) in der Nähe davon " (46)

        Am 15. Juni erteilte der Befehlshaber der Truppen des Baltischen Sondermilitärbezirkes Generaloberst F.I. Ruznetsow den Befehl Nr. 0052, in dem er seine Unterordneten daran erinnerte, dass "gerade heute, wie nie zuvor, wir voll kampfbereit sein sollen… Das müssen alle sicher und klar verstehen, weil wir in jedem Augenblick zur Erfüllung jeder Kampfaufgabe bereit sein sollen ". (50, S. 8) Obwohl dieser Befehl Nr. 0052 keine konkreten operativen Aufgaben enthielt, wurde er mit dem Vermerk „Vollkommen vertraulich. Besonders wichtig“ versehen, nur dem obersten Führerpersonal (ab Divisionskommandeuren und höher) zur Kenntnis gebracht, und am Ende stand folgende Weisung: " keine schriftlichen Befehle und Anordnungen in Entwicklung dieses Befehls erteilen". Die Sorge um die „Vertraulichkeitszwecke“ kam so weit, daß der Leiter der politischen Propagandaverwaltung des Baltischen Sondermilitärbezirkes Genosse Rjabtschij am Abend am 22. Juni 1941 "den Abteilungen der politischen Propaganda von Korps und Divisionen befahl keine schriftlichen Weisungen an die Teile zu geben, Aufgaben der politischen Arbeit mündlich über ihre Vertreter zu stellen..." (46)    

         Komisch ist das alles, sehr komisch. Natürlich unterschieden sich sowjetische Geheimhaltungsnormen von den allgemein menschlichen, aber warum konnte man dem Papier Aufgaben, wie "bereit zu sein, die friedliche Arbeit der sowjetischen Menschen zu schützen", oder "wir wollen kein Stückchen fremden Landes" wirklich nicht vertrauen? In dem Zusammenhang sei bemerkt, dass Deutsche am ersten Kriegstag, am 22. Juni 1941 im Städtchen Schakjaj (Litauen) ein Lager mit Flugblättern auf Deutsch besetzten, die an die Soldaten der Wehrmacht gerichtet waren (42, S. 79)

        Aber das Wunderbarste steckt in etwas Anderem. Bis heute finden sich noch Verfasser, die behaupten, dass Stalin mit allen Kräften versuchte, „den Angriff von Hitler auf die Sowjetunion hinauszuzögern“. Und um besser „hinauszuzögern“, musste man keine Divisionen in Wäldern verstecken, nachts über Moore nicht wandern, sondern an einem klaren sonnigen Junitag ins erwähnte Kiwerzi Berichterstatter aller Zentralzeitungen bestellen und ihnen befehlen, die marschierenden Kolonnen zu photographieren. Und in die erste Spalte unter der Gesamtrubrik „Die Grenze ist geschlossen!" Und nebenbei – ein Interview mit einem Panzerkommandanten, der zusammen mit seinem Kriegskameraden aus den heißen Steppen der Mongolei nach Schepetowka kam. Und man soll deutsche Analytiker denken lassen – wozu denn … "Wenn man mit einem gefährlichen Feind zu tun hat, muss man ihm vielleicht vor allem seine Abwehrbereitschaft zeigen.  Wenn wir Hitler unsere echte Macht gezeigt hätten, hätte er vielleicht den Krieg gegen die UdSSR in dem Augenblick vermieden" – schreibt in seinen Memoiren Armeegeneral S.P. Iwanow, ein sehr erfahrener Stabsoffizier. (47) Eben so, wie ein Militärfachmann solch einen hohen Niveaus rät, hätte man vorgehen müssen – wenn Stalin daran gedacht hätte, „hinauszuzögern“, und nicht daran, den Gegner in den vor dem Eindringen in Europa gebliebenen wenigen Wochen und Tagen nicht aufzuscheuchen.

 

         Der letzte Zweifel an der offensiven Ausrichtung des Großen Plans verschwindet, kaum daß wir auf der Landkarte den Standort der Divisionen der ersten strategischen Staffel einzeichnen, die im Laufe der geheimen mehrmonatigen strategischen Entfaltung gebildet wurde.

         Dank der im September 1939 vorsorglich gezeichneten „Abgrenzungslinie der Staatsinteressen der UdSSR und Deutschlands im Gebiet des ehemaligen Polnischen Staates“ (gerade so wurde offiziell das genannt, was in allen Büchern und Lehrbüchern „Westgrenze“ genannt wurde) hatte diese Grenze 2 tiefe (120-170 km lange) Vorsprünge, die mit der „Spitze“ nach dem Westen gerichtet waren. Der Belostoker Frontbogen in  Westweißrussland und der Lwiwer Frontbogen in der Westukraine. Zwei Frontbögen entsprechen unvermeidlich vier „Vertiefungen“. Vom Norden nach Süden befanden sich diese „Vertiefungen“ am Fuß der Frontbögen neben den Städten Grodno, Brest, Wladimir-Wolinskij, Tschernowtsi. Wenn die Rote Armee sich zur Wehr setzen wollte, so wären an den „Spitzen der Frontbögen“ nur minimale Deckungskräfte gelassen und die restlichen Verteidigungsgruppierungen am Fuß, in den „Vertiefungen“ aufgestellt worden. Diese Aufstellung gibt die Möglichkeit, die Einkesselung seiner Truppen im Gebiet der Frontbögen sicher zu vermeiden, indem man die Gesamtlänge der Verteidigungsfront reduziert (die Basislänge eines Dreiecks ist immer kürzer als die Summe von zwei anderen Seiten) und die größte operative Dichte auf den wahrscheinlichsten feindlichen Angriffsrichtungen schafft. 

        Im Juni 1941 wurde alles gerade umgekehrt gemacht. Die wichtigsten Einsatzverbände „drängten sich an den Spitzen der Belostoker und Lwiwer Frontbögen zu einem Haufen zusammen“. Am Fuß der Frontbögen, bei Grodno, Brest und Tschernowtsi wurden unvergleichlich schwächere Kräfte stationiert. 

        Die Beschreibung der ganzen Gruppierung wird zu viel Zeit und Platz in Anspruch nehmen, deshalb beschränken wir uns darauf, die Stationierung der Hauptschlagkraft der Roten Armee der mechanisierten (Panzer-) Korps  zu besprechen. Da ihre Aufstellung in sehr großer Eile und zu verschiedenen Zeitpunkten begonnen wurde, waren die vorhandenen Panzer, Panzerfahrzeuge, Kraftfahrzeuge und Traktoren auf mechanisierte Korps ganz ungleichmäßig verteilt. Auch so verschiedenartig war der Panzerpark. In den meisten Korps gab es überhaupt keine neuesten Panzer (T-34, KV), manche (das 10. mechanisierte Korps, das 19. mechanisierte Korps, das 18. mechanisierte Korps) verfügten über ganz abgenutzte BT-2\ BT-5 (Baujahr 1932-1934) oder sogar leichte schwimmende kleine Panzer Т-37\Т-38.

          Vor diesem Hintergrund heben sich „5 Riesen“ - 5 mechanisierte Korps, die im Bestand von 700 bis zu 1000 Panzern, u.a. über 100 neueste Panzer T-34 und KV, Hunderte Traktoren (Zugmaschinen), Tausende Kraftfahrzeuge haben, deutlich ab. Und das sind (wenn wir vom Norden nach Süden aufzählen) das 3. mechanisierte Korps, das 6. mechanisierte Korps, das 15. mechanisierte Korps, das 4. mechanisierte Korps und das 8. mechanisierte Korps. Sogar unter diesen Besten von den Besten fallen die 6. und 4. mechanisierte Korps ins Auge. Aber sie verfügten entsprechend über 452 und 414 neueste Panzer – mehr als alle anderen (und diese „anderen“ gab es 27) mechanisierten Korps der Roten Armee zusammengenommen. Im 6. mechanisierten Korps zählte man zu Beginn der Kampfhandlungen 1131 Panzer (d.h. sogar mehr als die Sollstärke), 294 Panzer (der „zweie Ehrenplatz“ unter allen mechanisierten Korps der Roten Armee), und an Kraftfahrzeugen und Motorrädern (4779 und 1042 dementsprechend) war es auch jedem anderen mechanisierten Korps der Roten Armee überlegen. Ganz solide sah vor Kriegsbeginn auch das 8. mechanisierte Korps aus.  Das Korps hatte im Bestand 171 neueste T-34 und KV, 359 Traktoren und Zugmaschinen, 3237 Kraftfahrzeuge.

         Wo standen diese „Riesen“?

          Das 4. mechanisierte Korps entfaltete sich bei Lwiw. Neben ihm, ein bisschen südlicher, war das 8. mechanisierte Korps östlicher von Lwiw stationiert, bei Solotschew-Kremenets befand sich das 15. mechanisierte Korps. Allein im Bestand dieser drei mechanisierten Korps zählte man 721 Panzer KV und T-34, was durch ein komisches Zusammentreffen der Gesamtzahl der Panzer aller Typen in der sich ihnen entgegenstellenden ersten Panzergruppe der Wehrmacht fast gleich war. Ohne einen einzigen Schuß abgefeuert zu haben, stand die Einsatzgruppierung der sowjetischen mechanisierten Korps schon dicht an der Flanke und dem rückwärtigen Gebiet der deutschen Truppen, die im Raum zwischen der Weichsel und dem Bug eingeschlossen wurden. Zwei Tage vor Kriegsbeginn zogen alle drei Divisionen des 4. mechanisierten Korps nach Westen, zur „Spitze“ des Lwiwer Frontbogens. Am Morgen des 22. Juni (um 5:40) öffnete das Kommando des 8. mechanisierten Korps „das rote Paket“, und laut dem Befehl des Befehlshabers der 26. Armee Nr. 002 vom 17. Mai 1941 (63, S. 165) zog das mechanisierte Korps nach dem Westen und erreichte am Nachmittag den Fluss San in Grenznähe westlich von Sambor. „Das rote Paket“ mit der Weisung des Stabs des Kiewer Sondermilitärbezirkes Nr. 0013 vom 31. Mai 1941  (70, S. 197) wurde vom Kommandeur des 15. mechanisierten Korps um 4:45 geöffnet, danach stießen die Korpsdivisionen in Richtung Radehow  (34 km vom Grenzstädtchen Krystynopol, jetzt – Tscherwonograd) vor.

         Aber vielleicht am anschaulichsten war die Wahl des Standortes für das 6. mechanisierte Korps, das im Dickicht der dichten Wälder bei Belostok versteckt wurde.  Man kann erraten, wie das mechanisierte Korps mit seinem riesigen „Haushalt“ nach Belostok kam – zu dieser Stadt läuft über hundertjährige Wälder und bodenlose Moore eine Eisenbahnstrecke. Selbst Belostok verlassen konnte das Korps nur in eine Richtung – über die Autobahn nach Warschau, das von der „Grenze“ nur 80 km entfernt war. Eine Autobahn von Belostok nach Osten, nach Weißrussland gab es damals nicht, und gibt es jetzt auch nicht.

         Nicht weniger bemerkenswert ist der Standort des 3. mechanisierten Korps (672 Panzer, darunter auch 110 T-34 und KV, 308 Traktoren und Zugmaschinen, 3897 Kraftfahrzeuge). Dieses Korps war der 11. Armee unterstellt, die sich im Süden von Litauen, an der Stoßstelle der Nordwest- und Westfront entfaltete. Die Grenzlinie in diesem Bezirk sah wie eine lange und schmale „Zunge“, die von der polnischen Stadt Suwalki in die Tiefe des sowjetischen Raums bei Grodno ging. In der Tat entfalteten sich im Gebiet dieses „Suwalki Frontbogens“ und nördlich auf einmal zwei Panzergruppen der Wehrmacht (die 4. und die 3.) mit 7 (!) Panzerdivisionen. Das sowjetische Kommando konnte davon nicht wissen, aber selbst die Umrisse der Grenze bei Grodno waren sehr besorgniserregend. Immerhin kam das 3. mechanisierte Korps weit nördlicher von Grodno, sogar nördlicher von Kaunas an, das vom „Suwalki Frontbogen“ mit dem wasserreichen Neman getrennt war.

          Eine komische Entscheidung, um einen ziemlich wahrscheinlichen gegnerischen Angriff von Suwalki auf Grodno zurückzuschlagen, aber trotzdem ist sie sehr klar und rationell für den Angriff auf Tilsit (Sowjetsk) und weiter zur Ostseeküste. Und unmittelbar bei Grodno befand sich das schlecht ausgestattete 11. mechanisierte Korps (331 Panzer, darunter insgesamt 27 T-34 und KV) mit wenigen Fahrzeugen und   Zugmaschinen. Ein bisschen besser (518 leichte T-26, keine mittleren und schweren Panzer) war das 14. MK ausgestattet, das beim südlichen Fuß des Belostoker Frontbogens, bei Brest-Kobrin, von der zweiten Panzergruppe von Guderian angegriffen wurde. Ähnlich (Hauptkräfte an der zum Feind gerichteten „Spitze des Frontbogens“) war die Verteilung einzelner (Korpsregimente und Reserve des Oberkommandos) Artillerieregimente. In der 3. Armee, die die Richtung Grodno deckte, gab es nur zwei Korpsartillerieregimente (das 152. und das 444. Regiment), und in der 10. Armee (die Spitze des Belostoker Frontbogens) – vier Korps- (das 130., das 156., das 262., das 315. Regiment) und drei Artillerieregimente aus der Reserve des Oberkommandos (das 311., das 124., das 375. Regiment). 

          Wie merkwürdig es auch  immer lautet, aber man mußte die offensive Ausrichtung der sowjetischen operativen Pläne und der aus diesen Pläne ableitbaren Aufstellung der Truppengruppierungen erst nach Erscheinen des berühmten Buchs von W. Suworow „Eisbrecher“ beweisen. Früher stellten sowjetische Historiker und Memoirenschriftsteller ruhig und gern fest, dass "der Standort der Stellungen und Truppen vom offensiven Charakter der geplanten strategischen Handlungen beeinflusst war…  die beabsichtigte strategische Entfaltung und die Aufstellung der operativen Truppengruppierungen war in höherem Ausmaß von offensiven Zwecken geprägt…". ( 3 ) Allerdings wurde den vergleichbaren Erkenntnisse immer der Vorbehalt beigefügt, dass „durch eine falsche Bewertung der Situation unbegründet angenommen wurde…“. W. Suworow schlug lediglich vor, sowjetische Generäle nicht mehr für Idioten zu halten, die die Grundlagen der Strategie und der operativen Kunst nicht verstehen, und er hob die geistigen, und, was wichtig war, die moralischen Vorteile sowjetischer Historiker hervor. Selbstverständlich haben die „Historiker“ ihm das nicht verziehen. Komisch, aber die von W. Suworow rehabilitierten sowjetischen Generäle haben sich für ihn auch nicht eingesetzt…

 

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