Kapitel 12. Hypothese 3

      Die komischen Ereignisse der letzten Vorkriegstage kann man immerhin erklären, zu einer einheitlichen logischen Kette im Rahmen einer Hypothese verbinden. Ich muss gleich zugeben – als erster hat diese Hypothese der Kiewer Historiker Keistut Sakoretzki ins Feld geführt. Das Hauptargument, das er zu ihrer Bestätigung vorgebracht hat, ist ziemlich zweifelhaft, aber weil bekannte Fakten gerade in den Rahmen seiner Hypothese sehr klar, wie Patronen in den Patronenstreifen hineinpassen, bin ich bereit, mit Sakoretzki nicht nur völlig einverstanden zu sein, sondern auch zu versuchen, diese Version der Ereignisse schöpferisch zu entwickeln. 

        So nehmen wir an, dass der Invasionstermin in Europa Mitte Juni (ungefähr zwischen dem 10. und dem 20.) noch einmal geändert wurde (die erste Verlegung fand im Mai-April 1941 statt), dabei wieder in die Richtung des Herannahens des Kriegsbeginntages. Dieser dritte der Reihe nach und letzte in der Tat Stalinsche Kalenderzeitplan des Kriegsbeginns sah wie folgt aus:

1. An einem hellen sonnigen Tag des 22. Juni findet eine (oder eine ganze Reihe) Provokation statt –Vortäuschung der Bombenangriffe der deutschen Luftwaffe auf sowjetische Städte.

2. Kurz danach (am Nachmittag oder am Abend des 22. Juni) kommt der Deckungsplan zum Einsatz. Zum Einsatz kommt er in vollem Umfang – einschließlich der Angriffe der Streitkräfte der Roten Armee auf bestimmte Objekte im Gebiet hinter der Grenze.

3. Am 23. Juni wird die offene Gesamtmobilmachung erklärt.    

4. Ungefähr eine Woche später (am 1.-3. Juli) gehen die mobilisierten und gemäß dem operativen Plan (der in der Besprechung in Moskau am 24. Mai 1941 freigegeben wurde) entwickelten Nord-West-, West-, Süd-West- und Südfronten zu einer umfangreichen Offensive über. 

         Selbstverständlich gibt es keine direkten dokumentarischen Nachweise für die Glaubwürdigkeit dieses Plans. Und keiner wird sie irgendwann finden. Schon der erste Punkt – eine groß angelegte Provokation – bedurfte der strengen Vertraulichkeit. Jeder Informationsverlust reduzierte nicht nur die Wirkung der provokativen Simulierung auf Null, sondern ließ die Wirkung negativ ausfallen. Aus einem armen Opfer des treubrüchigen Überfalls verwandelte sich Stalin (im Falle der Offenbarung des Geheimnisses) in einen verbrecherischen und niederträchtigen Brandstifter des Krieges. Das gehörte nicht zu seinen Absichten. Gerade deshalb gab es höchstwahrscheinlich gar keine irgendwelchen schriftlichen Dokumente, die unmittelbaren Ausführenden wären höchstwahrscheinlich der körperlichen Beseitigung zugeführt worden. Wenn auch irgendwelche schriftlichen Befehle existierten, so wurden sie kurz danach bestimmt vernichtet, als der Plan seinen ganzen Sinn und seine Bedeutung verloren hatte, d.h. am Mittag des 22. Juni 1941.

          In der Situation, wenn direkte dokumentarische Nachweise fehlen, müssen die Historiker wirre Informationsfetzen analysieren, die auf drei Pläne von Stalin (den Krieg 1942, Ende Sommer 1941 und am 1. Juli 1941 zu beginnen) und verkrampfte Versuche, die Situation zu ändern, bezogen waren, die am Abend am 22. Juni 1941 untergenommen wurden. Immerhin gibt die oben dargelegte Hypothese die Möglichkeit, im Wesentlichen diesen Knäuel zu entwirren…

 

    ….. Nach dem durchaus richtigen bildlichen Vergleich, der von W. Suworow vorgeschlagen wurde,  „jagten“ sowohl Hitler, als auch Stalin in Europa wie ein Löwe in der Savanne: Das Raubtier pirscht sich zuerst lange und lautlos an sein Opfer heran und erst im letzten Augenblick wirft er sich mit ohrenbetäubendem, das Opfer lähmendem Brüllen zu ihm. Für Hitler trat der Zeitpunkt des Überganges vom Stadium des langsamen „Heranschleichens“ zum letzten entscheidenden Ruck am 6.-10. Juni ein. An diesen Tagen wurde mit dem Verladen der nach dem Osten zu verlegenden Panzer- und Motordivisionen der Wehrmacht in Züge begonnen.

        Eine umfangreiche Verlagerung der Flugzeuggruppen der Luftwaffe auf Flugplätze begann ein paar Tage später. So landeten die zwei größten Jagdgeschwader (Fliegerdivisionen) der 2. Luftflotte (JG 53 und JG 51) auf den Flugplätze des besetzten Polen, dementsprechend, am 12.-14. und am 13.-15. Juni 1941. Am 10. Juni teilte das Oberkommando der Wehrmacht den Befehlshabern der Armeen die genaue Uhrzeit und den genauen Tag (der 22. Juni, 3 Uhr 30 am Morgen) des Einmarsches und das Verfahren der Truppenbenachrichtigung mit ("wird dieses Datum aufgeschoben, wird die entsprechende Entscheidung spätestens am 18. Juni getroffen

Um 13 Uhr am 22. Juni wird an die Truppen das Signal „Dortmund“ übersendet. Es bedeutet, dass der Angriff am 22. Juni wie geplant beginnt, und daß man mit der offenen Ausführung der Befehle beginnen kann" ). (6, S. 341)

        In diesem Fall entdeckte die sowjetische Aufklärung (sowohl die Militäraufklärung, als auch die Aufklärung des NKGB), obwohl sie keine dokumentarischen Informationen über die in Berlin getroffene Entscheidung bekommen hatte, eine bereits angefangene umfangreiche Verlagerung deutscher Truppen. Aufgrunddessen wurde die Entscheidung getroffen, den Angriffstermin der Roten Armee maximal vorzuverlegen. Ein verhängnisvoller Fehler war nur die Bestimmung des Angriffstermins, bei dem der Schlag der sowjetischen Truppen noch vorbeugend hätte sein können. Der Beginn der offenen Mobilmachung wurde auf den Montag, den 23. Juni 1941, festgelegt.

        Wann wurde diese Entscheidung getroffen? Wenn wir das „Besuchsbuch“ analysieren, sehen wir, daß im Juni 1941 (vor Kriegsbeginn) Zhukow und Timoschenko im Arbeitszimmer Stalins sieben mal waren: am 3., 6., 7., 9., 11., 18., 21. Juni. Die ersten 3 Daten kann man von vornherein außer Betracht lassen – damals gab es noch keine Gründe für die Revision der Pläne. Am 9. Juni waren Timoschenko und Zhukow bei Stalin zweimal: am Tage (für Stalin mit seiner Gewohnheit, nachts zu arbeiten, war es eher „Morgen“), von 16:00 Uhr bis 17:00 Uhr, und am Abend. Die abendliche Beratung dauerte sehr lange – fünfeinhalb Stunden. Im Arbeitszimmer von Stalin befand sich auch der stellvertretende Verteidigungsminister Marschall Kulik, der Sekretär des ZK der kommunistischen Partei, das Mitglied des Hauptmilitärrates Malenkow, der Vorsitzende des Gosplan der UdSSR, der stellvertretende Vorsitzende des Sowjets der Ministere (Minister) Wosnesenski, der Vorsitzende des Verteidigungskomittees beim Sowjet der Ministere der UdSSR Marschall Woroschilow und der Vorgesetzte der Mobilmachungs- und Planabteilung des Verteidigungskomittees Safonow.

          Was hat im Laufe von 5 Stunden eine so hohe Versammlung besprochen? Ich meine, wenn es sich um die dringende Änderung der operativen Pläne gehandelt hätte, wäre die Zusammensetzung der Teilnehmer auch anders gewesen.  Höchstwahrscheinlich wurden wirklich umfangreiche und schwierige Fragen der Funktionierung der Militärindustrie nach Eintritt der Mobilmachung behandelt. Diese Vermutung wird auch dadurch bestätigt, dass der Minister für Flugzeugindustrie Schachurin und der „Panzerminister“ Maliyschew bereits im Verlaufe der Beratung mehrere Stunden im Arbeitszimmer von Stalin verbracht hatten.

        Am 11. Juni verbrachten Timoschenko und Zhukow im Arbeitszimmer von Stalin nur eine Stunde, und noch dazu in einer sehr komischen Gesellschaft. Zusammen mit ihnen waren in der Beratung folgende Personen anwesend: der Staatssicherheitsminister der UdSSR Merkulow, Leiter der Hauptverwaltung der politischen Propaganda der Roten Armee Saporoshetz sowie Befehlshaber der Militärbezirkstruppen und Mitglied des Militärrats (Kommissar) des Baltischen Sondermilitärbezirks Kusnetzow und Dibrowa. Was war das? Eine kurze Dauer der Beratung und ein ziemlich „kunterbunte“ Zusammensetzung der Anwesenden geben aber keine Gründe für Vermutungen, dass gerade am 11. Juni nur die erste der 4 geplanten Termine für Unterweisungen mit dem Kommando der Westbezirke stattfand, die sich schon in Fronten verwandelten. Ein weiteres (und vielleicht das überzeugendste) Argument dagegen, dass am 11. Juni etwas sehr Wichtiges beschlossen wurde, ist die Tatsache, dass nach dem 11. Juni Militärs bei Stalin im Laufe von 6 Tagen nicht erschienen. 

         Die Entscheidung über die Verlegung des Einmarschtermins in Europa wurde allem Anschein nach – nach langen Debatten – am 18. Juni 1941 getroffen. An diesem Tag verbrachten Timoschenko und Zhukow in Stalins Arbeitszimmer 4 Stunden, von 20:25 Uhr bis 0:30 Uhr. Fast gleichzeitig mit ihnen betraten das Arbeitszimmer des Herrschers Herr Molotow (Minister für Auswärtige Angelegenheiten, der erste Stellvertreter von Stalin im Ministerrat und damals sein nächster Mitkämpfer) und Malenkow (Sekretär des Zentralkomitees, Mitglied des Hauptmilitärrats). Und das ist der äußerst enge Personenkreis, in dem eine Entscheidung dieser Tragweite nur getroffen werden konnte. Bemerkenswert ist, daß gerade nach dem 18. Juni Ereignisse, wie die Errichtung der Frontstäbe und ihre Verlagerung auf Feldgefechtsstände geschehen, an die Bezirke wurden Befehle über die Tarnung der Flugplätze und Versetzung der Truppen der ersten Staffel in höchste Gefechtsbereitschaft gesendet, in der Flotte wurde die operativen Bereitschaft Nr. 2 erklärt.

         Die Entscheidung über den Beginn einer offenen Gesamtmobilmachung ab Montag, dem 23. Juni war ganz logisch.  In der UdSSR stand im Mittelpunkt der Arbeitsplatz. Ein Werk. Gerade dort konzentrierten sich waffenfähige Leute, dort mußten am Morgen des 23. Juni 1941 „spontane Meetings“ der Arbeiter stattfinden, die über den niederträchtigen Überfall faschistischer Aasgeier auf sowjetische Städte empört waren. Zu diesem Moment hätten – wie „ein Klavier im Busch“ –Millionen Flugblätter (Anzeigen) mit dem Text des Erlasses des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR über die Mobilmachungserklärung angefertigt werden sollen. Als K.Sakoretzki sich eine Fotokopie eines solcher Flugblätter auf Seite 452 der mit der Auflage von 500.000 Exemplaren herausgegebenen „Enzyklopädie des Großen Vaterländischen Krieges“ (Moskau, 1985, ed. M.M. Koslow) ansah, wurde er auf das Datum aufmerksam, an dem der Erlaß verabschiedet wurde. Die Fotokopie wurde so angefertigt, daß kein Vergrößerungsglas hilft – die Ziffern „zerlaufen“ endlich in einzelne Punkte. Nichtsdestotrotz gleicht die erste Ziffer wirklich einer „1“ mehr als einer „2“…

        Wollen wir uns nicht in die mit einem Krimi vergleichbare Geschichte vom spurlosen Verschwinden einer riesigen Auflage der Flugblätter mit dem Mobilmachungserlaß vertiefen, betonen wir nur, daß der Inhalt des Erlasses selbst (d.h. keine irgendwelche Erwähnung über den angefangenen Krieg, über den deutschen treubrüchigen Überfall auf die UdSSR im Erlaßtext – was von uns im vorigen Kapitel schon erwähnt wurde) die Version von Sakoretzki sehr überzeugend bestätigt. Es ist unnötig, eine „1“ unter dem Mikroskop zu betrachten. Wenn der Text des Erlasses, nebenbei bemerkt, erst um 16 Uhr am 22. Juni freigegeben worden wäre, so hätte man es kaum geschafft, ihn in Millionen Exemplare am Morgen des 23. Junis zu drucken – Chaos und Verstörtheit verbreiteten sich damals in allen Bereichen der Staatmaschinerie, einschließlich der Druckereien. Es ist genug, uns an die unbestreitbare Tatsache zu erinnern, dass die zentrale Regierungszeitung „Izwestiya“ mit der Meldung über den angefangenen Krieg erst am Dienstag, dem 24. Juni erschien!

        Der dem „M-Tag“ vorangehende Tag, der 22. Juni 1941 paßte wie kein anderer für die Durchführung der beabsichtigten Provokation. Ich mache keinesfalls Spaß. Der 22. Juni ist der längste Tag im Jahr (die längste Dauer des Lichttags). 1941 fiel dieser Tag auf einen Sonntag – auf einen freien Tag. Um so viele Opfer unter der friedlichen Bevölkerung wie möglich zu bekommen, war ein Bombenangriff am Sonntagmittag optimal: Ein warmer sonniger arbeitsfreier Tag, die Menschen haben sich nach einer schweren Arbeitswoche ausgeschlafen und sind auf die Straßen gegangen, um mit den Kindern in Gärten und Grünanlagen spazieren zu gehen. 11-12 Uhr morgens ist gerade die Zeit, zu der Höfe und Straßen in Rußland (Weißrussland) voller Mütter mit Kinderwagen sind. Weiter sieht die Zeitberechnung so aus:

-  um 11 Uhr fallen die Bomben auf eine sich friedlich ausruhende Stadt

-  um 12 Uhr sendet der Verteidigungsminister an die Bezirke eine kurze Weisung aus drei Worten ("unseren Deckungsplan einführen

-  um 13 Uhr ist die kurze Weisung aus drei Worten empfangen und in den Bezirksstäben entschlüsselt worden

-  innerhalb einer Stunde wird der Befehl an alle Teile der Bezirks- (Fronten)luftstreitkräfte weitergeleitet

-  innerhalb der nächsten Stunde kommt der Befehl sogar bei den tolpatschigsten Stäben und Teilen an

-  und noch eine Stunde, um Motoren warmlaufen zu lassen und Bomben anzuhängen

      Also: Um 16 Uhr sind die Luftstreitkräfte bereit, ihre Aufgaben nach den Deckungsplänen zu erfüllen      ("gleichzeitig den Schlag auf die ausgekundschafteten Flugplätze und Basen des Gegners zu legen, die sich in der ersten Zone befinden, bis zu den Stellungen im Raum Insterburg, Allenstein, Mlawa, Warschau, Demblin... während des zweiten Luftangriffes der Bombenflugzeuge den Schlag auf die Flugplätze und Basen des Gegners zu legen, die sich in der zweiten Zone befinden, bis zu den Stellungen in Raum Königsberg,  Marienburg, Torun, Lodz...") Und wann ist der Sonnenuntergang am 22. Juni? Im europäischen Teil der UdSSR, über den Flugplätzen bei Belostok und Lwiw wird es frühestens um 11 Uhr ganz dunkel.  Mit anderen Worten – den sowjetischen Luftstreitkräften standen nicht weniger, als 6-7 Stunden der hellen Zeit zur Verfügung. Wenn aber der Gegner zu sich kommt und versucht, Gegenluftschläge zu führen, verbirgt die gekommene Nacht die Flugplätze, Basen, Militärsiedlungen, Eisenbahnstationen zuverlässiger, als alle Tarnnetze. Ist es denn nicht ein „Geschenk“ beim Kriegsbeginn?

          Technische Möglichkeiten für die Simulierung waren vorhanden: Noch 1940 wurden in Deutschland 2 Bombenflugzeuge „Dornier“-215, 2 „Junkers“ 88 und 5 Mehrzweckflugzeuge Ме-110 gekauft, ganz geschweige davon, dass auf der Höhe von 5 - 6 km niemand außer Fachleuten mit höchster Qualifikation Silhouetten der Flugzeuge hätte erkennen können…

         Hätte man überhaupt ohne diese provokative Simulierung auskommen können? Ja. Der Stalinsche Befehl wäre in jedem Fall erfüllt geworden. Niemand - weder Timoschenko in Moskau, noch ein Kommandeur der Staffel auf einem grenznahen Flugplatz – hätte gewagt, die Frage zu stellen: "Und wozu müssen wir Insterburg, Allenstein und Mlawa bomben?" Worauf beruht dann die Vermutung über die vorbereitete und auf den 22. Juni festgelegte Provokation?

          Die Vermutung beruht auf dem wichtigsten Punkt - auf einem besonderen Augenmerk, das der Persönlichkeit und Weltanschauung des Haupthelden des Weltdramas galt. Ja, ich verstehe, daß nachhaltige Versuche, das Geheimnis der Gedanken und Wünsche von Stalin zu enträtseln, vielleicht jemanden als ein zutiefst unwissenschaftlicher Versuch erscheinen können, das solide Zitieren der Archivbände durch das Wahrsagen aus Kaffeesatz zu ersetzen. Obwohl ich die Logik dieser Widersprüche verstehe, kann ich trotzdem ihnen nicht zustimmen. Gerade darum, weil ich gezwungen war, mehrere Tausende Seiten der „Sonderordner“ mit Sitzungsprotokollen des Stalinschen Politbüros zu lesen, gerade darum, weil ich mich anhand von Originaldokumenten überzeugen konnte, dass im Stalinschen Reich ohne Willen und Zustimmung des Herrn sogar die Fragen der Verlagerung von 5 Fräsmaschinen aus dem Werk X ins Werk Y oder des Ersatzes einer Hebewinde die zu Ersatzteilen und Zubehör des Panzers Т-34 gehörte, nicht gelöst wurden, gerade deswegen meine ich, dass jede Erforschung der Außenpolitik der UdSSR in den 30-40er Jahren,  die von der Analyse der Persönlichkeit und der Beweggründe in Stalins Benehmen losgelöst war, unweigerlich unzureichend sein wird.

         Konnte das Zentralkomitee der kommunistischen Partei mit seiner Macht die Liste der Namen von Melkerinnen, Hirten und Schlossern freigeben, die in Moskau auf der Veranstaltung unter dem Namen „Tagung des Obersten Sowjets der UdSSR“ zusammenkommen? Natürlich konnte es das. Und immerhin fand die Farcekommödie der „direkten, allgemeinen, geheimen“ Wahlen in die Sowjets aller Ebenen in der UdSSR jahrzehntenlang statt. Von Stalin bis Gorbatschew. Wozu? WO-ZU? Für die öffentliche Meinung des Westens? Aber bitte, wem in den Ländern mit einer entwickelten demokratischen Tradition konnte diese primitive und grobe Simulierung der „Willenserklärung des Volkes“ mit einem Kandidaten im Stimmzettel und den unveränderlichen „99,9%“ - der Für-Stimmen einen Bären aufbinden? Und immerhin fanden diese „Wahlen“ mit komischem Ernst statt. In genauer Übereinstimmung mit der Großen Stalinschen Verfassung. Unsere Urenkel werden höchstwahrscheinlich an so was nicht glauben, aber wir haben doch das mit unseren eigenen Augen gesehen!

         Hätte sich Stalin seiner politischen Gegner standgerichtlich entledigen können, ohne zur tragischen Farce einer „offenen Gerichtsverhandlung“ zu greifen? Natürlich. Viele (die absolute Mehrheit der Opfer der Großen Säuberung) wurden eben auf diese Weise kaltgemacht: ohne jegliches Gericht, durch die Entscheidung einer „Trojka“, und manchmal sogar im Verlauf der „Untersuchung“ zu Tode gefoltert. Das ist Tatsache. Und immerhin gab es offene „Gerichtsverhandlungen“ in Moskau in den Jahren 1936 -37. Das ist auch Tatsache.

Es ist eine im Rahmen normaler menschlicher Logik unerklärliche, aber reelle Tatsache. Stalin stellte unverständlicherweise die nächsten Mitkämpfer von Lenin öffentlich vor Gericht, wo sie – vor Hunderten Journalisten, darunter aus dem Ausland – gestanden, dass sie Glas zerkleinert und es Arbeitern in die Butter gestreut hatten. Wozu?

         Am 4. Mai 1941 wandte sich das Politbüro des Zentralkomitees (mit der Unterschrift „Sekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei I. Stalin“) an  die Mitglieder des Zentralkomitees mit der Frage, ob die genannten Mitglieder mit der Bestellung von I. Stalin zum Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR einverstanden sind. Die Abstimmung wurde in Form einer schriftlichen Umfrage durchgeführt. Und bis 71 Mitglieder des Zentralkomitees dafür unterschrieben haben, daß sie einverstanden sind, galt die Entscheidung über die Bestellung von I. Stalin zum Regierungschef als „Entscheidungsentwurf“. Es ist schwer, daran zu glauben, aber entsprechende Dokumente sind nicht mehr vertraulich und wurden veröffentlicht. (6, S. 157-157) Wozu? Wozu brauchte man diese leeren Sorgen mit der schriftlichen Abstimmung durch Umfrage (weil diese Blätter per Feldpost geschickt wurden, mit Bewachung, dabei wurde Benzin verbraucht)? Wollte sich Stalin „seine Kameraden zu Rate ziehen“?  Aber bitte, im Mai 1941 konnte sich Stalin, ohne jemanden zu Rate zu ziehen, zum Imperator von ganz Russland, Sohn des Gottes Ra und zum neuen Buddha gleichzeitig bestellen. Diese einzig richtige und rechtzeitige Entscheidung hätte bei den Arbeitern des Sowjetlandes allgemeine Zustimmung gefunden.

         Auf alle diese (und auf Tausende andere) Fragen gibt es nur eine Antwort: Er wollte so. Stalin hielt viel auf Kanzleiordnung. Er hatte diese Laune. Jeder spinnt auf seine eigene Art. Akakij Akakiewitsch bewunderte Buchstaben in den „Verhältnissen“, die er überschrieb. Wie sich diejenigen erinnern, die den „Mantel“ von Gogol gelesen haben, hatte Akaki Akakiewitsch seine Lieblingsbuchstaben, auf die er traf und sie mit besonderer Freude kalligraphisch schrieb. Der große Stalin war ein fürchterliches Monster, eine unglaubliche Hybride von Dschingis Khan und Akaki Akakiewitsch. Stalin vernichtete Menschen in solchen Größenordnungen, von denen Dschingis Khan nicht einmal träumen konnte, aber dabei fand er Genuß an der Genauigkeit und bürokratischen Harmonie seiner Entscheidungen. Gerade deswegen vernichtete er mit gleichem Vergnügen seine ehemaligen Freunde und Mitkämpfer, aber dabei vergaß er nicht, die Erlaubnis bei allen noch lebenden Mitgliedern des Zentralkomitees einzuholen. Und hielt ihre „Entscheidung“ schriftlich fest. Und legte diese Papierchen in seine „Sonderordner“. Allein dieses Fachwort „Sonderordner“ das im Stalinschen Reich für die Bezeichnung der höchst vertraulichen Dokumente eingeführt wurde, besagt viel.

         Genosse Stalin hatte eigene Vorstellungen davon, in welchen Kanzleiformen sich die „unveränderlich friedliebende Außenpolitik“ der UdSSR ausdrücken soll. Diese Vorstellungen setzte er mit unerbitterlicher Beharrlichkeit des „Terminators“ um. Alles soll richtig sein. Die UdSSR kann Finnland nicht angreifen. Die Rote Armee kann die Provokationen der weißfinnischen Armee verhindern, die das sowjetische Gebiet verräterisch beschossen hatte – das geht. Und selbst anzugreifen ist verboten. Die sowjetische Regierung kann den finnischen Arbeitern helfen, die sich gegen die blutige Bande von Ryuti-Tanner aufgelehnt haben und schon ihre eigene Volksregierung gebildet haben. Es geht. Man kann dieser Volksregierung helfen, nach Helsinki umzuziehen. Aber niemand hat den Befehl über die Eroberung von Helsinki und die Besetzung Finnlands erteilt…

    … Der erste Teil, die erste Etappe der Großen Simulierung fand in der Wirklichkeit statt. Das ist keine Hypothese. Das ist Tatsache. Am 13. Juni 1941 wurde die berühmte Meldung von TASS verfaßt (am 14. Juni veröffentlicht). Ja, ja, gerade dieselbe:

"…..TASS gibt bekannt, daß der UdSSR bekannt ist, daß Deutschland die Bedingungen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes, wie die Sowjetunion einhält, wodurch, der Meinung der sowjetischen Kreise nach, die Gerüchte über die Absicht Deutschlands, den Pakt zu brechen und die UdSSR zu überfallen, grundlos sind…Die UdSSR, wie es aus ihrer friedlichen Politik folgt, hat die Bestimmungen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes einzuhalten und will diese weiterhin einhalten, und deswegen sind die Gerüchte, die UdSSR bereite sich zum Krieg gegen Deutschland vor, falsch und provokant …"

          Die Ansager im sowjetischen Rundfunk lasen diesen Text mit Begleitung unter dem Klopfen der Räder vor. Neunhundert Eisenbahnzüge (keine Waggons, sondern ausgerechnet Züge) mit Divisionen der zweiten strategischen Staffel rannten nach dem Westen.  Die Divisionen in den grenznahen Militärbezirken schlichen durch nächtliche geheime Übergänge, wobei sie sich tagsüber in den Wäldern versteckt hielten, zur Grenze. All das ist schon bekannt, es ist seit über 15 Jahren nicht mehr vertraulich. Der ersten Provokationsphase hätte unumgänglich die zweite Phase folgen sollen: die Simulierung einer Bombardierung sowjetischer Städte durch deutsche Flugzeuge. Als Antwort auf die friedliebendste TASS-Meldung – Bomben am sonnigen Sonntag. Eine treubrüchige und niederträchtige Tötung sowjetischer Zivilisten. Die schneeweiße Friedenstaube einerseits, und schwarze Raben andererseits. Und erst danach – die Gesamtmobilmachung. "Steh auf, mein großes Land, steh für den Todeskampf auf! Schwarze Vögel werden über der Heimat nicht fliegen!" Grob? Zu demonstrativ? Ja, aber gerade solch einen Geschmack hatte der Auftraggeber dieser Provokation. Stalin servierte seinen Gästen gern scharfe Gerichte …

        Die These über die auf den 22. Juni festgelegte provokante Simulierung entspricht nicht nur dem Gesamtstil der Stalinschen „Befreiungen“ (dem Einmarsch in Finnland ging „der Beschuß der sowjetischen Stellungen in Meinil voran“), sondern erklärt auch gleich ein paar meist „unerklärbare“ Tatsachen am Kriegsvorabend.   

        Vor allem wird jetzt klar, warum die Seelenruhe und Sorglosigkeit zur Schau gestellt werden (beginnend vom „großen Theaterabend“ des 21. Juni und bis zum Abzug der Flugabwehrdivisionen aus den Stellungen der Truppen und zur Verkündung eines freien Tages in den Teilen der Luftstreitkräfte des westlichen Sondermilitärbezirkes), was 20-21. Juni erfolgte. Für eine stärkere propagandistische Wirkung der Provokation hätten die Bomben auf eine sowjetische Stadt (Städte?) in einer friedlichen, äußerlich ganz ruhigen Lage abgeworfen werden sollen. Freier Tag in Kampfverbänden. Das Kommando genießt die hohe Theaterkunst, Schützen machten Komsomolquerfeldläufe und wetteiferten in Volleyball. Wir sind friedliche Menschen und unser Panzerzug rostet auf dem Abstellgleis. Und in diesem Sinne stellt sich die ewige Beschwörung der sowjetischen Geschichte („Stalin hatte Angst, Hitler einen Anlaß zum Überfall zu geben“) als fast wahr heraus! Man muß nur diesen Ausdruck ein bißchen berichtigen: "Stalin „baute“ sorgfältig die Situation auf, bei der seine Empörung und seine „edle Wut“ einwandfrei aufrichtig aussehen würden". 

 

……Während in Moskau und in Minsk die letzten Vorbereitungen zu großartigen Ereignissen zu Ende gingen, die am 22.-23. Juni hätten stattfinden sollen, waren schon die letzten Vorbereitungen jenseits der Grenze zu Ende gegangen. Das ist schon keine Hypothese, das ist eine tragische Tatsache. Um 1 Uhr nachmittags, am Samstag des 21. Juni wurde an die Stäbe der Wehrmacht das vereinbarte Signal „Dortmund“ übersendet, und die deutschen Truppen begannen, „die Befehle offen auszuführen“.

Das Geheimnis, das (direkt oder zumindest auch indirekt) bis zu 3 Millionen Soldaten und Offiziere mitgeteilt wurde, war nach ein paar Stunden kein Geheimnis für das Kommando der Roten Armee mehr. Es ist mindestens von 2 Überläufern bekannt, die den Westbug im Gebiet des Kiewer Sondermilitärbezirkes  überschwammen und vom baldigen Kriegsbeginn berichteten. Schwer zu glauben, dass die sowjetische Aufklärung keine anderen Informationsquellen in den feindlichen Truppen hatte. Wie dem auch sei, diese Information erreichte Moskau am Abend des 21.Juni, nachdem sie durch ein halbes Duzend Instanzen gelaufen war. In der exemplarisch bekannten Version von G.K. Zhukow lief alles wie folgt ab:

        "Am Abend des 21. Juni rief mich der Chef des Stabes des Kiewer Militärbezirks Generalleutnant M.A. Purkaew an und teilte mit, dass zu Grenzsoldaten ein Überläufer gekommen ist – ein deutscher Feldwebel, der behauptet, dass deutsche Truppen in Ausgangsbezirke für den Angriff vorstoßen, der am 22. Juni morgens beginnt.  Ich berichtete gleich dem Minister und  I.W. Stalin das, was mir M.A. Purkaew mitgeteilt hatte.

— Kommen Sie mit dem Minister in etwa 45 Minuten in den Kreml, - sagte I.W. Stalin..

Wir nahmen den Entwurf der Weisung für die Truppen mit und  fuhren zusammen mit dem Minister und Generalleutnant N.F. Watunin in den Kreml. Unterwegs haben wir uns verabredet, daß wir die Entscheidung über die Versetzung der Truppen in höchste Gefechtsbereitschaft herbeiführen müssen, koste was es wolle.

I.W. Stalin empfing uns allein. Er war offensichtlich besorgt.

— Und haben vielleicht deutsche Generäle diesen Überläufer uns auf den Hals geschickt, um einen Konflikt zu provozieren?— fragte er.

— Nein, — antwortete S.K. Timoschenko— Wir meinen, dass der Überläufer die Wahrheit sagt.

Inzwischen betraten Mitglieder des Politbüros Stalins Arbeitszimmer. Stalin informierte sie kurz.

— Was werden wir tun? — fragte I.W. Stalin.

Es folgte keine Antwort.

— Man muss den Truppen dringend eine Weisung über die Versetzung aller Truppen der grenznahen Bezirke in höchste Gefechtsbereitschaft geben— sagte der Minister.

— Lesen Sie vor! — sagte I.W. Stalin.

Ich habe den Weisungsentwurf vorgelesen. I.W. Stalin bemerkte:

— Diese Weisung ist momentan übereilt, vielleicht wird schon alles auf friedlichem Wege gelöst. Man muß eine kurze Weisung geben, in der anzugeben ist, dass der Angriff mit Provokationshandlungen der deutschen Truppen beginnen kann. Die Truppen der grenznahen Bezirke dürfen auf keine Provokationen hereinfallen, um keine Schwierigkeiten zu verursachen.

      Ohne die Zeit zu verlieren, gingen wir mit  N.F. Watutin schnell in ein anderes Zimmer und entwarfen schnell die Weisung des Ministers.

Nachdem wir ins Arbeitszimmer zurückgekommen waren, baten wir um die Erlaubnis zu berichten. I.W. Stalin hörte sich den Weisungsentwurf an, las ihn selbst noch einmal, machte einige Korrekturen und überreichte dem Minister für die Unterschrift".   (15, S. 261)  

          Das einzige Dokument, mit dem wir die Glaubwürdigkeit dieser Version prüfen können, ist dasselbe „Besuchsbuch“.  Es gibt keine Niederschriften über die Beratung (oder sie sind bis heute vertraulich geblieben). Was die Memoiren angeht, so hat sie weder Stalin, noch Timoschenko, noch Watutin hinterlassen. Aus dem „Besuchsbuch“ ist ersichtlich, daß Timoschenko und Zhukow das Arbeitszimmer von Stalin um 20:50 Uhr betraten. Zusammen mit ihnen betrat dieses Zimmer auch Marschall Budjönni (über dessen Beisein Zhukow kein Wort gesagt hat).  Watunin hat das Arbeitszimmer nicht betreten (es ist nicht ausgeschlossen, dass Zhukow zumindest hier die Wahrheit sagte, und der mit ihm gekommene Watunin einfach im Empfangszimmer blieb).

         Stalin war nicht allein. Es waren noch 4 Personen mit ihm im Arbeitszimmer: Molotow, Berija, Malenkow und der sowjetische Kriegsmarineatteche in Deutschland, der bescheidene Kapitän zur See Worontsow. Keine anderen „Mitglieder des Politbüros“ betraten das Zimmer. Um 21:55 Uhr betrat noch eine Person Stalins Arbeitszimmer. Er war kein Mitglied des Politbüros und bekleidete damals das Amt des Ministers für Staatskontrolle. Bei der Besprechung besonders wichtiger vertraulicher militärischer Angelegenheiten hatte der Minister für Staatskontrolle absolut nichts zu tun. Seine Arbeit war die Kontrolle von Werkskantinen, der Einhaltung der Vorschriften des sowjetischen Handels in Dorfläden, der Feuchtigkeit von Kartoffeln auf Lagern in Verteilungs- und Vertriebsabeilungen (ORS). Aber der Name dieses Menschen war Mechlis, und ab 1924 war er neben Stalin, indem er die geheime Rolle eines sonderbevollmächtigen „Beauftragten“ für geheime und schmutzige Sachen spielte. Um 22:20 Uhr verließen die Militärs das Arbeitszimmer. (6, S. 301)

         Damit enden die für uns zugängliche Tatsachen, und wir kommen auf Hypothese 3 zurück, die wiederum auf den Schlüsselpunkten der Hypothese 1 beruht, und zwar: Timoschenko und Zhukow bewerteten die Kampffähigkeit der Roten Armee als sehr niedrig, und Stalin – als sehr hoch.

          Indem Timoschenko und Zhukow von ihrer Bewertung der Kampffähigkeit der Roten Armee ausgehen, zweifelten sie keinesfalls daran, daß die 115 an den sowjetischen Grenzen stehenden deutschen Divisionen komplett ausreichen werden, um „die unbesiegbare und legendäre“ Armee krumm und lahm zu schlagen. Gerade deswegen glaubten sie dem unbekannten deutschen Feldwebel. Zur Gänze und sofort. Außerdem dachten sie in dem Augenblick mit Entsetzen daran, dass für die Flugregimente des westlichen Sondermilitärbezirkes ein freier Tag angesagt wurde, eines der 12 Jagdregimente überhaupt entwaffnet ist, und Flugabwehrdivisionen auf den Schießplatz des Militärbezirkes verlagert sind. Da dachten sie an den Erschießungskeller. Die beiden verstanden sehr gut, dass Stalin sich selbst zum „Inspirator und Organisator“ des Sieges erklären, und die für die Niederlage Schuldigen in seiner Umgebung suchen wird, und sie in dieser Schlange die Ersten waren. 

          Deswegen betraten sie um 20:50 Uhr das Arbeitszimmer des Herrschers mit verzweifelter Entschlossenheit ", die Entscheidung herbeiführen, koste es was es wolle". Welche Entscheidung? "Über die Versetzung der Truppen in die Gefechtsbereitschaft"? Sechs Seiten davor behauptet Zhukow ohne Schimmer der Verlegenheit, dass er Stalin in dieser Angelegenheit nicht lange überreden mußte: "Dem Generalstab wurde der deutsche Angriffstermin von einem Überläufer erst am 21. Juni bekannt, worüber wir sofort I.W. Stalin berichteten. Er erteilte gleich seine Zustimmung dazu. ( von mir unterstrichen -  М.S.) die Truppen in  Gefechtsbereitschaft zu versetzen". (15, S. 255) Worüber diskutierten sie dann im Laufe von anderthalb Stunden so gespannt? Was stand in der Weisung, die Stalin sofort ablehnte, und befahl, eine neue zu erstellen, und dann korrigierte er noch etwas darin? Selbstverständlich (ein für die Hypothese nicht passendes Wort, aber in diesem Fall ist es ziemlich gerechtfertigt),  selbstverständlich handelte es sich bei diesem Streit um die Einführung des Deckungsplans und eine unverzügliche Erklärung der Gesamtmobilmachung, und natürlich nicht vom Kleinteil dieser Handlungen unter dem literarischen Namen „Versetzung der Truppen in Gefechtsbereitschaft“.

           Stalin glaubte dem deutschen Überläufer gar nicht. Erstens glaubte er niemandem, weil er selbst ein grenzenloser Lügenbold war. Der erste und wichtigste Gedanke, der ihm nach dem Bericht von Timoschenko kam, war: "Wer hat diesen Feldwebel geschickt? Wozu? Vielleicht hat Timoschenko das alles selbst erfunden? Oder Purkaew? Den Schuft strengstens verhören und erschießen …" Leider ist es keine Lüge, sondern ein Zitat (aber es geht dabei um einen anderen Überläufer und einen anderen Tag). Bemerkenswert ist, daß über das Schicksal zweier Überläufer, die am Abend des 21. Juni ihr eigenes Leben riskierten und einer schrecklichen Gefahr ihre Familien aussetzten, indem sie „der Heimat des Weltproletariats“ zu helfen versuchten, nichts bekannt ist.

          Zweitens war die Verkettung der Daten (des Datums der von Stalin beabsichtigten Provokation und des Datums des tatsächlichen hilterschen Einmarsches) sehr unglaublich. Wie in einem Film, aber so was gibt es auch in keinem Film. Das ist dasselbe, wenn Ihre Kugel beim Duell die des Gegners trifft. So was kann nicht passieren, weil es nie passieren kann. Und drittens…  Aber dieses „Drittens“ kann nur verstehen, wer das Glück hat, sich im Leben mit etwas Schöpferischen zu beschäftigen. Zum Beispiel, spielen Sie „Polonäse“ von Oginski auf der Geige – und der Nachbar beginnt sofort die Wand mit einer elektrischen elektrischen Schlagbohrer zu bohren… Verstehen Sie? So reagierte Stalin auf den Vorschlag von Timoschenko, einen schönen Plan des Genossen Stalin (Provokation am Vorabend der Mobilmachung) zu zerstören.

         Stalin glaubte den Menschen nicht – aber dabei glaubte er bedingungslos der Logik. Seiner Logik, auf die er sehr stolz war. Und am Abend des 21. Juni dachte er (und beschloss endlich) ganz logisch. "Die Deutschen haben die Konzentration der Truppen noch nicht beendet. Die Hälfte der Divisionen der Wehrmacht ist noch im Westen. Es ist wahnsinnig, mit solchen Kräften die Rote Armee anzugreifen. Es gibt sehr wenige deutsche Flugzeuge an unseren Grenzen. Beim Frankreichfeldzug hatten sie auf einer 300 km breiten Front im Mai 1940 eineinhalb so viele Flugzeuge! Mit solchen schwachen Kräften, mit solcher Luftunterstützung können die Deutschen nicht angreifen. Und sie werden es nicht tun. Uns stehen 7-10 weitere Tage zur Verfügung. Und wir brauchen nur einen Tag, den 22. Juni. Einen einzigen Tag. Die Flugblätter über die Erklärung der Mobilmachung ab dem 23. Juni werden schon gedruckt… "

          Ich bin bereit, für Begriffsstutzige noch einmal zu wiederholen.

          Traditionelle Version: "Stalin glaubte an die Unterschrift von Ribbentrop auf dem Nichtangriffspakt, deshalb glaubte er nicht daran, dass Hitler die Sowjetunion angreifen wird."

         Meine Version: "Stalin glaubte an die Kraft der Roten Armee und deshalb glaubte er nicht der Meldung, Hitler hätte beschlossen,  den Angriff am 22. Juni zu beginnen, d.h. bevor die Konzentrierung der Kräfte der deutschen Armee an den Grenzen der UdSSR beendet wurde, die (nach Stalins Meinung) man für den Krieg gegen die mächtige Rote Armee hätte versammeln müssen.  Die Absicht von Hitler, die Invasion am 24.,25.,26. und an jedem nächsten Tag zu beginnen, machten Stalin keine Sorgen mehr ".

          Timoschenko verstand, dass die Reaktion von Stalin gerade so ausfallen wird. Deshalb nahm er seinen alten Kameraden aus der Ersten Kavalleriearmee mit, in der Budjönni der Oberbefehlshaber der Armee und Timoschenko – Kommandeur einer Kavalleriedivision war.  Marschall Budjönni galt formell als Stellvertreter von Timoschenko, aber als einer der wenigen übriggebliebenen „Helden des Bürgerkriegs“, , wie es damals hieß, „ging er beim Herrscher ein und aus“ und im komplizierten System der Hofintrigen hatte er mehr Gewicht als der Verteidigungsminister. Zhukow war ein Neuling und in den Augen der Stalinschen Umgebung genoß er wenig Ansehen (er war sogar kein Mitglied des Zentralkomitees, geschweige denn von der Mitgliedschaft im Politbüro), deshalb konnte er nicht helfen, Stalin und Molotow zu überreden. Einige Jahre später kannte sich Zhukow in all diesen Spielen gut aus, deshalb verdrängte Budjönni er mit seinen kleinlichen Ambitionen. Nicht aus dem Leben, sondern zumindest aus den wichtigsten Punkten seiner Memoiren.

          Das schwere Gespräch zwischen Stalin und Militärs endete damit, daß Stalin die Genehmigung für die Einführung des Deckungsplans nicht erteilt hat, aber er erlaubte, an die Militärbezirke die verwirrte und undeutliche Weisung 1 zu schicken. Ich erinnere noch einmal, dass der Satz „alle Teile in Gefechtsbereitschaft versetzen“ in der Weisung 1 steht. Obwohl die mehrmaligen Anforderungen „auf keine Provokationen hereinfallen“ sie entwerten. Die Flotte nahm an all diesen listigen Spielen mit Provokationen und Simulierungen nicht teil, deshalb wurde sie von N.G. Kuznetsow aus der Bereitschaft Nr. 2 schlicht und einfach in die Bereitschaft Nr. 1 versetzt. Niemand hat es ihm verboten.

         Nachdem Stalin mit allen Diskussionen fertig gewesen war, beendete er seine Arbeit ungewöhnlich früh und fuhr in die nächstgelegene Datscha. Zum Schlafen. An die Möglichkeit des deutschen Überfalls glaubte er nicht, und es stand ein sehr schwerer Tag des 22. Juni bevor (am Morgen – Bombenangriff auf Grodno, am Mittag – der Befehl über den Beginn der Deckungsoperation, am Abend – der erste Luftangriff auf deutsche Flugplätze, am späten Abend – die Besprechung der Handlungen und die letzten Vorbereitungen zur Erklärung der Mobilmachung). Vor so einem Tag sollte man sich gut ausschlafen.

 

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