Das, was nicht geschah

…….. Nachdem sowjetische „Historiker“ viele Haufen Papier darüber vollgeschrieben hatten, was nicht geschah und was nicht hätte geschehen können, verschwendeten sie einen anderen Haufen Papier, um das zu verneinen, was in der Wirklichkeit geschah. Es handelt sich um solch einen wichtigen Bestandteil der Kriegsvorbereitung wie Mobilmachung. In jedem Buch ohne Ausnahme stand, dass „Geschichte uns wenig Zeit gegeben hat“, dass unsere Armee „zum Krieg frühestens im Jahre 1942 vollständig“ vorbereitet sein konnte und dass wir bis zu dieser Zeit aus allen Kräften die militärische Auseinandersetzung mit Deutschland immer mehr hinauszögern mussten…

        Was hinauszögern? Wohin? Wozu?

        Was eine „vollständige Kriegsbereitschaft“ bedeutet, kann sich der Autor sogar nicht vorstellen. Um so mehr ist er nicht in der Lage, zu verstehen, wie viele Jahre und Jahrhunderte man braucht, um diesen geheimnisvollen Zustand der „vollständigen Bereitschaft“ zu erreichen. Eine ganz andere Sache ist die Mobilmachung. Das ist ein Verzeichnis absolut konkreter Maßnahmen, die namentlich genannte Amtspersonen innerhalb von bis auf den Tag und Stunde festgelegten Fristen hätten treffen müssen.  Wir enthalten uns weiterer dilettantischer Erläuterungen und führen gleich ein langes Zitat aus der Monographie des Generals Wladimirskij, des damaligen stellvertretenden Leiters der operativen Abteilung des Stabs der 5. Armee an, der kraft seines Amtes von den Mobilmachungsmaßnahmen fast alles wusste (Stichwörter sind vom Autor unterstrichen):

"... Mobilmachungspläne wurden in allen Schützenverbänden  und –teilen durchgearbeitet. Sie wurden von übergeordneten Stäben systematisch geprüft, präzisiert und korrigiert. Die Zuordnung von Personal, mechanisierten Fahrzeugen, Pferden, Fuhrwerk- und Sachvermögen den Verbänden und Teilen auf Kosten der volkswirtschaftlichen Ressourcen wurde im Großen und Ganzen abgeschlossen...

         Divisionen wurden mit Schützenwaffen vollständig versorgt, mit Ausnahme einiger Arten davon ( Degtjarew-Maschinengewehre, großkalibrige Maschinengewehre)....

        Mit Artilleriewaffen wurden Schützendivisionen im Wesentlichen vollständig versorgt, ausgenommen 37mm-Fliegerabwehrkanonen, mit denen die Divisionen nur zu 50 Prozent ausgestattet waren. Die Artillerieregimenter des Korps waren mit Kriegsgerät nur zu 82 bestückt...

         Schützendivisionen waren mit mechanisierten Fahrzeugen nur zu 40 bis 50 Prozent bestückt. Es war geplant, fehlende Kraftfahrzeuge und Traktoren, aus den  Ressourcen der ostukrainischen Volkswirtschaft zur Verfügung zu stellen...

         Ab dem 20. Mai 1941 wurden alle Reservesoldaten und -unteroffiziere zu 45-tägigen Wehrübungen bei Schützendivisionen zwecks Umschulung entsendet.  Dadurch konnte  jede Schützendivision auf 12-12,5 Tausend Mann oder auf 85-90% der Kriegsstärke erhöht werden...

         Hoffentlich erinnern Sie sich daran, liebe Leser, wie oft wir angelogen wurden, „die Personalstärke der Divisionen der Roten Armee sei der Friedensstärke gleich und am 22. Juni zweimal so klein gegenüber deutschen Divisionen gewesen“? Erinnern Sie sich daran, wie sich unser großer „Marschall des Sieges“ in seinen Erinnerungen äußerte, dass „am Vorabend des Krieges 19 Divisionen in grenznahen Gebieten jeweils 5 bis 6 Tausend Mann und 144 Divisionen jeweils 8 bis 9 Tausend Mann stark waren“?

         Tatsächlich geht aus der meist offiziellen Sammelmonographie des Generalstabs „Das Jahr 1941 – Lehren und Schlussfolgerungen“ hervor, dass die Personalstärke der Schützendivisionen der grenznahen Gebiete tatsächlich wie folgt erhöht wurde: "21 Divisionen wurden auf 14 Tausend Mann, 72 Divisionen auf 12 Tausend Mann und 6 Schützendivisionen auf 11 Tausend Mann erhöht".  ( 3, S. 82 )

          Wollen wir aber auf das Buch von Wladimirskij zurückgreifen:

"... Das in den Mobilmachungsplänen der Truppenteile vorgesehene Mobilmachungsverfahren lief im Wesentlichen auf Folgendes hinaus. Jeder Truppenteil  wurde in 2 Mobilmachungsstaffeln aufgeteilt. Die erste Mobilmachungsstaffel betrug 80 bis 85 Prozent des Personals des Truppenteils... Die Frist, innerhalb welcher die erste Staffel zum Vormarsch für die Erfüllung einer Kampfaufgabe bereit sein sollte, war auf 6 Stunden festgelegt.

        Die zweite Mobilmachungsstaffel eines Truppenteils schloß 15 bis 20 Prozent des Stammpersonals sowie alle aufgrund der Mobilmachung ankommenden zugeschriebenen Reservisten ein. Die Bereitschaftsfrist wurde der zweiten Staffel…wie folgt gesetzt: für die in Grenznähe stationierten Truppenteile, sowie für die Luftverteidigungstruppen und Luftwaffe spätestens am ersten Tag der Mobilmachung und für alle anderen Verbände -  in 24 Stunden…

          Für alle Verbände und Truppenteile wurden vor der Luftbeobachtung versteckte Mobilmachungsgebiete außerhalb ihrer Stationierungsorte vorgeschrieben sowie wurde das Verfahren festgelegt, nach dem die Teile in diese Gebiete vorstoßen sollten und während der Mobilmachung gedeckt werden sollten.

          Laut einem Gutachten von Kommissionen der Armee- und Militärbezirksstäbe, die den Zustand der Mobilmachungsbereitschaft der Schützenverbände und – einheiten im Mai – Juni 1941 überprüften, „galten alle Schützendivisionen und Korpsteile als zur Mobilmachung innerhalb der festgelegten Fristen bereit..."  ( 92 )         

         Also lautete die traditionelle Version wie folgt: die Rote Armee brauchte mindestens noch ein ganzes Jahr, um sich auf den Krieg vorzubereiten. Die Deutschen wollten nicht großzügig warten und überfielen eine „zum Krieg nicht vorbereitete“ Armee.

         In einer etwas edleren Form lautete dieser geläufige Mythos wie folgt: für die absolute Vollendung der Mobilmachungsmaßnahmen brauchte man 2 bis 3 weitere Wochen, aber das schnelle Vordringen der Wehrmacht in die Tiefe des Landes machte die Mobilmachung unmöglich. Und das verursachte eigentlich…

         Und in der Tat war die heimliche Mobilmachung praktisch VOLLENDET. Die Schützendivisionen der westlichen Militärbezirke (d.h. das Rückgrat der Armee der damaligen Zeit und, nebenbei bemerkt, die Hauptverteidigungskraft!) haben die Mobilmachung so gut wie vollendet, und die geplanten Fristen, zu denen diese kampfbereit sein sollten, beliefen sich nicht einmal auf Tage, sondern auf STUNDEN. Das kleine „Anhängsel“ (die zweite Mobilmachungsstaffel) konnte erst im Laufe von einem oder zwei Tagen in volle Bereitschaft versetzt werden. Wie bei allen Heiligen konnte der plötzliche deutsche „Angriff“ der Roten Armee diese knappen Stunden wegnehmen?  War die UdSSR von ihrer Weite her so groß wie Luxemburg oder Dänemark, die von der Wehrmacht an einem Tag besetzt wurden? Bemerkenswert ist, dass unser Oberkommando am Vorabend des Kriegs keine Zweifel hatte, daß die angegebenen Fristen, innerhalb derer die Truppen aufzufüllen und in volle Kampfbereitschaft zu versetzen waren, realistisch waren.

         Die Truppenteile waren bereits mit Schützen- und Artilleriebewaffnung wichtigster Arten ausgestattet (sieh oben). Auch der von Wladimirskij festgestellte Mangel an 50% der Fahrzeuge vom Sollbestand war beim weiten kein Vorbote einer Katastrophe.  Die Sache ist die folgende: die „Sollbestände“ laut Stalins Plänen zur Vorbereitung zum Großen Krieg waren riesengroß. So sollte ein Haubitzenregiment (36 Haubitzen) einer Schützendivision der Roten Armee laut Sollbestand im April 1941 planmäßig 73 Traktoren, 90 LKWs und 3 PKWs haben. Daß es mehr Zugmaschinen als Geschütze gab, zeugt keinesfalls von einem übermäßigen Gewicht der Artilleriesysteme. Eine 122mm–Haubitze war ungefähr 2,5 Tonnen, eine 152mm–Haubitze – 4,2 Tonnen schwer und wurde von einem Traktor (einer Zugmaschine) erfolgreich abgeschleppt.

          Für das Abschleppen von Divisionshaubitzen waren Traktoren bestimmt, die in den Werken Stalingrad und Tscheljabinsk (STS-3, STS-5, S-60, S-65) hergestellt worden waren. Das war gerade das Fahrzeug, das bei jedem Regen oder Schnee russische Feldwege befahren konnte. Traktoren konnten Geschütze querfeldein mit einer Geschwindigkeit von 10 bis 15 km/h abschleppen – völlig ausreichend für eine Schützendivision (d.h. Infanteriedivision), wo die Artillerie lediglich hinter den zu Fuß gehenden Soldaten nicht zurückbleiben mußte. In jedem Fall konnte der Feind von 72 Kettenzugmaschinen in einem Artillerieregiment gar nicht träumen. In einem einzigen Artillerieregiment einer Infanteriedivision der Wehrmacht wurden alle Artilleriesysteme (einschließlich der 150mm-Haubitzen) von 6-er Pferdegespannen gezogen.

          In der Tat verfügten die Truppen des Kiewer Militärbezirks zum Kriegsbeginn über 2389 Haubitzen (1277 - Kaliber 122mm und 1112 - Kaliber 152mm). (29, S. 97). In Klammern sei bemerkt, dass zur vollständigen Auffüllung aller Divisionen des Militärbezirkes gemäß Sollbestand (32 Schützen-, 16 Panzer- und 8 motorisierte Divisionen) 2016 Haubitzen benötigt wurden. Und die Artillerie des Militärbezirkes verfügte über 2239 funktionstüchtige Traktoren (abgesehen von den Traktoren, mit denen mechanisierte Verbände ausgestattet waren!). ( 152, S. 83). Es ist nicht schwer, sich zu überzeugen, dass die Anzahl der Geräte mit mechanisiertem Antrieb der Anzahl der abzuschleppenden Geräte fast gleich war. Außerdem gab es in der Artillerie des Militärbezirkes noch 161 Sonderzugmaschinen („Komintern“, „Woroschilowets“, „Kommunar“), die für das Abschleppen schwerer Geschütze bestimmt waren.

          In einer separaten Panzerabwehrdivision einer Schützendivision der Roten Armee kamen gemäß Sollbestand auf 18 45mm-Panzer 24 Kraftfahrzeuge und 21 Zugmaschinen (in einer Panzerabwehrdivision einer motorisierten Division kamen 27 Zugmaschinen auf 18 Panzer).  Dabei wurde als Zugmaschine das gepanzerte Raupenfahrzeug „Komsomolez“ verwendet, das auf Basis von Baugruppen und Aggregaten des leichten Panzers T-38 entwickelt worden war, mit einem Maschinengewehr in der Kuppel-Lafette bestückt war und im Wesentlichen seinen Kampfeigenschaften nach dem deutschen Kleinpanzer Pz-I entsprach, die alle sowjetischen Historiker unausbleiblich den „Panzern“ zuordneten. Bis Juli 1941 wurden 7780 solcher „Komsomolez“ hergestellt und mit 6700 von denen wurden die Truppen beliefert. (148) Die Truppen des Kiewer Sondermilitärgebietes verfügten über 1088 funktionstüchtige „Komsomolez“, d.h. im Durchschnitt je 27 Zugmaschinen pro Panzerabwehrdivision. Kurz gesagt, waren die Gerüchte über den „katastrophalen Mangel an Mitteln mit mechanisiertem Antrieb“ in der Artillerie der Roten Armee stark übertrieben.

        Bedeutend komplizierter verhielt es sich mit der Mobilmachungsbereitschaft der mechanisierten Korps. Das ist verständlich. Erstens erfordert ein mechanisiertes Korps schon von vornherein eine große Menge an „Mechanismen“, darunter, Fahrzeugen und Traktoren (Kettenzugmaschinen), deren Großteil laut Plan in der Volkswirtschaft bis zur Erklärung der offenen Mobilmachung hätte eingesetzt werden sollen. Zweitens überstieg die Stalinsche Gigantomanie, infolge deren 29 mechanisierte Korps mit je Tausend Panzern fast gleichzeitig aufgestellt wurden, die tatsächlichen Möglichkeiten der Wirtschaft des Landes.

          Nachdem wir das alles zugestanden haben, sollen wir keine übereilten Schlüsse ziehen, fangen wir lieber damit an, konkrete Tatsachen zu studieren, die derselben Monographie von Wladimirskij entnommen wurden:

      " Das 22., 9. und 19. mechanisierte Korps wurden ab April 1941 auf Basis von ehemaligen Panzerbrigaden aufgestellt und am Anfang des Krieges waren sie noch in der Organisation… In den mechanisierten Verbänden, die über verhältnismäßig viel Personal (Panzerdivision – 9 Tausend Mann oder 80 Prozent, Motordivision – 10,2 Tausend Mann oder 90 Prozent des Personals von der Kriegsstärke) verfügten, mangelte es an Füherpersonal und Unteroffizieren (40 bis 50 Prozent)…  Besonders schlecht waren die Truppenteile mit  Panzerkommandanten und Kommandeuren der Panzereinheiten sowie Fahrmechanikern und anderen Fachleuten ausgestattet..."

          Allerdings sollte man nicht vergessen, über welche Korps Wladimirskij nämlich schrieb. Nach den Vorkriegsplänen des Oberkommandos der sowjetischen Panzertruppen gehörte das 19. mechanisierte Korps nicht einmal zu neunzehn „mechanisierten Kampfkorps“ und wurde mit einem reduzierten Sollbestand aufgestellt und die Aufstellung des 22. und des 9. mechanisierten Korps hätte erst 1942 vollendet werden sollen. Der fehlende Sollbestand der Panzerkommandanten und Fahrmechaniker wurde durch das Fehlen der geplanten Anzahl von Panzern zur Genüge „ausgeglichen“. So verfügte das 22. mechanisierte Korps über 712 Panzer (69 %), das 9. mechanisierte Korps – über 316 Panzer (31 %), das 19. mechanisierte Korps – über 453 Panzer (44 %).   

          Alles erkennt man im Vergleich. Die Wehrmacht, deren Personalstärke ab Herbst 1940 hektisch aufgestockt wurde, hatte dieselben Probleme:

"...in Panzerdivisionen und motorisierten Divisionen betrugen aktive Offiziere 50%, in Infanteriedivisionen – von 35 bis 10% des Führerpersonals... Die Anderen waren Reservisten, deren Berufsausbildung bedeutend schlechter war…." ( 189, S.72 ) . Nur in den Ausführungen sowjetischer Propagandisten wurde die berüchtigte „2-jährige Erfahrung der modernen Kriegsführung“ erwähnt. Von 5 Panzerdivisionen der 1. Panzergruppe der Wehrmacht

- nahm keine am Polenfeldzug teil,

- nahmen am Einmarsch in Frankreich nur 2 (die 9. und 11. Panzerdivision) teil,

- kam nur die 14. Panzerdivisionen dazu, vor dem „ Unternehmen Barbarossa“ eine Woche lang in Jugoslawien zu kämpfen,  

- nahmen die 13. und 16. Panzerdivisionen (aufgestellt im Oktober 1940 auf Basis von Infanteriedivisionen) bis 22. Juni 1941 überhaupt an keinen Kriegshandlungen teil.

         Die Situation in den 4., 8. und 15. mechanisierten Einsatzkorps war bedeutend besser.

         Insbesondere wurden Divisionen des 15. mechanisierten Korps vor dem Krieg mit Schützen zu 94 bis100%, mit Kommandeuren in höherem Rang - zu 45 bis 75%, mit ranghöheren Kommandeuren zu 50 bis 87% aufgestellt, dabei erklärte sich der Mangel am Führungspersonal im Wesentlichen durch den Mangel an Politkomissaren und verwaltungswirtschaftlichem Personal. Das 8. mechanisierte Korps wurde noch vor Einberufung des ihm zugeteilten Personals unter dem Tarnmantel „von großen Wehrübungen“ im Juni 1941 mit dem Personal zu 89% ausgestattet, seine Artillerieregimente verfügten über 88% der Geschütze gegenüber der Sollstärke, 45mm- Panzerabwehrkanonen gab es sogar über die „Sollstärke“ hinaus (49 statt 36).      

         Diese 3 mechanisierte Korps verfügten man noch vor Erklärung der offenen Mobilmachung über je 2 bis 3 Tausend Kraftfahrzeuge, von 165 ( das 15. mechanisierte Korps) bis 359 (das 8. mechanisierte Korps) Traktoren und Zugmaschinen. Und obwohl die komplette Sollstärke (5165 Kraftfahrzeuge, was ein Fahrzeug pro 6 Mann aus dem Personal des mechanisierten Korps, einschließlich der Panzersoldaten bedeutet) bei weitem nicht gegeben war, kann man den Autoren kaum zustimmen, die behaupten, dass  "die so genanten mechanisierten Korps nur die einfache Infanterie mit Panzerverstärkung darstellten..."

 

          Generell sah das Bild in der ganzen Roten Armee wie folgt aus.  Im Februar 1941 verfügten die Truppen schon über 34 Tausend Traktoren (Kettenzugmaschinen), 201 Tausend LKWs und Sonderfahrzeuge und 12,6 Tausend PKWs. (16, S. 622) Selbstverständlich wurde die Ausrüstung der Roten Armee im Februar 1941 mit Kriegsgerät nicht vollendet. Werke arbeiteten in drei Schichten und der Rüstungsauftrag 1941 belief sich auf 13.150 Zugmaschinen und Traktoren. (16, S. 617). Die Anzahl der Kraftfahrzeuge in der Roten Armee stieg im Juni 1941 auf 273.000. (2, S. 363) Endlich wurde am 23. Juni die offene Mobilmachung angesagt, und trotz des Chaos und des Durcheinanders des katastrophalen Kriegsanfanges wurden zum 1. Juli 1941 in die Rote Armee weitere 31.500 Traktoren und 234.000 Kraftfahrzeuge aus der Volkswirtschaft übergeben. (3, S.115)

          Im Durchschnitt kamen auf jede der 303 sowjetischen Divisionen (aller Typen, in allen Militärbezirken) theoretisch je 220 Traktoren und 1670 Kraftfahrzeuge. Für eine Division. Durchschnittlich. Das bedeutet, dass die Divisionen der westlichen Grenzgebiete über zweimal so viele Exemplare hätten verfügen sollen – mobilisierte Kraftfahrzeuge und Traktoren wurden doch nicht in den Sibirischen und Mittelasiatischen Militärbezirk geliefert…

         An dieser Stelle sollten wir uns über die riesigen Errungenschaften der Stalinschen Industrialisierung freuen, aber ehrlich gesagt, kann man sich da über nichts freuen. Schlagen wir Berichte der sowjetischen Korps- und Divisionskommandeure auf und fast in jedem von denen lesen wir folgendes: "das Kriegsgerät, das im mechanisierten Plan vorgesehen war, traf im Rahmen der Mobilmachung nicht ein." Wieso denn das? Aber wo sind dann diese "234.000 Kraftfahrzeuge und über 31.500 Traktoren" eingetroffen???

         Rokossowskij (damals – Kommandeur des 9. mechanisierten Korps) schreibt, dass das Personal der Schützenregimente und Korpsdivisionen, die am Kriegsanfang keine Pferde und keine Kraftfahrzeuge hatten, Granatwerfer, leichte und schwere Maschinengewehre, Munition buchstäblich auf seinen Schultern tragen mußte, im Ergebnis  "war es ganz entkräftet und verlor jede Kampffähigkeit . Und wie kam es, dass die Divisionen des mechanisierten Korps weder 1700 noch sogar 170 Kraftfahrzeuge aus der Anzahl der in der ersten Kriegswoche mobilisierten Fahrzeuge bekamen?

           Unten der Bericht des Kommandeurs der 10. Panzerdivision (das 15. mechanisierte Korps):

 "..die aus der Volkswirtschaft zugeteilten Kraftfahrzeuge hätten nach dem Mobilmachungsplan am Ende des M-2 eintreffen sollen (d.h. am zweiten Tag der Mobilmachung): "GAS-АА"- 188 иnd  "ZIS-5" - 194. Kein einziges Kraftfahrzeug aus dieser Anzahl entweder am M-2 oder an den nächsten Tagen traf in der Division ein..."

       "Der Kommandeur der 2. Artilleriebrigade der Panzerabwehr Oberst M.I. Nedelin schickte eine Meldung, dass er Traktoren aus der Volkswirtschaft noch nicht bekommen hatte und zur Grenze nur eine Division schicken kann"-  so steht es in den Erinnerungen des Marschalls Bagramjan. (110)

         Nein, es ist kein Zufall, dass es Nedelin später bevorstand, zum Oberbefehlshaber der strategischen Raketentruppen der UdSSR zu werden: Er konnte trotzdem, sogar in dieser Situation des allgemeinen Chaos den Ausbruch der ganzen Artillerieabteilung gelingen lassen (12 Panzerabwehrkanonen).  Und die 5. Artilleriebrigade der Panzerabwehr, so Wladimirskij, "blieb wegen der fehlenden Zugmaschinen in Nowograd-Wolinskij (250 östlich der Grenze)“ sogar bis zum 29. Juni (am siebten Kriegstag!). Genauso sah das Bild in allen anderen  Artilleriebrigaden der Panzerabwehr, an allen Fronten aus. Keine einzige Brigade – außer der Brigade von Moskalenko – erfüllte ihre Aufgabe im Kampf gegen feindliche Panzer, und alle sowjetischen Historiker nennen in ihren Büchern wie aus einem Munde einen und denselben Grund – der fehlende mechanische Antrieb. Wieso denn das? Wo war die ganze Technik darunter auch diejenige, die am 22. Juni schon in den Truppenteilen war, und diejenige, die an den ersten Tagen mobilisiert wurde?

         Das alles, kann mancher Leser sagen, seien nur einzelne Nachteile. Also jetzt haben Sie einen verallgemeinerten Überblick bekommen:

" ...äußerst schlecht wurden Lieferungen bei Mobilisierung des mechanisierten Fahrzeuge abgewickelt… In den Abgabestellen sammelten sich Tausende reparaturbedürftige Kraftfahrzeuge und Traktoren an. Es kam vor, dass Kraftfahrzeuge an den Abgabestellen der Wehrersatzstellen unbetankt oder gar nicht eintrafen, weil dieser in der Wirtschaft fehlte… So gelang es nicht, aus dem Moskauer Militärbezirk (d.h., dem zentralen Militärbezirk in der Nähe der Hauptstadt) Fahrzeuge in den westlichen Militärbezirk auf eigener Achse fahren zu lassen, am dritten Tag der Mobilmachung wurde nur ein Viertel der Kraftfahrzeuge geschickt...sehr oft wurden Kraftfahrzeuge wegen großer Eile in Züge geladen und an die Front sogar ohne Fahrer und Kraftstoff gesendet…1320 Züge (50347 Waggons) mit Kraftfahrzeugen standen auf der Eisenbahn still..."  ( 3 )

         General Wladimirskij nennt sogar einige Gründe für den komischen Verlauf der Mobilmachung:

"...Am Abend des 26. Juni hörte sich der Kriegsrat der 5. Armee den Bericht über den Ablauf der Mobilmachung der Truppen und Hinterlandorgane der 5. Armee an. Es wurde festgestellt, dass die Mobilmachung der Truppen und des Hinterlandes der Armee, die laut Mobilmachungsplan um 24.00 am 25. Juni hätte vollendet sein sollen, d.h. am dritten Mobilmachungstag (sie wurde ab 00.00 Uhr am 23. Juni erklärt), faktisch gescheitert war… Die Reservesoldaten, die größtenteils aus den westlichen (d.h., im September 1939 im Laufe des „Befreiungsfeldzuges“ nach Polen besetzten M.S.)ukrainischen Gebieten kamen, kamen entweder zeitlich nicht hin, sich in den Truppenteilen einzufinden, oder entzogen sich der Mobilmachung Wenige Kraftfahrzeuge aus den örtlichen Betrieben trafen bei den Truppen nicht ein, weil sie für die Evakuierung der Familien sowjetischer Angestellter und Mitarbeiter nach Osten eingesetzt wurden"

         Wie schön sieht es aus…Familien der ARBEITER, haben ihren Hausrat in Fahrzeuge geladen und fahren mit allem Komfort ins Hinterland. Diejenigen, die irgendwo in Neuseeland geboren waren, können vielleicht an so was glauben…

          So eine unerwartete und entmutigende Vereitelung der Reservistenmobilmachung erklärt Wladimirskij durch "den psychologischen Einfluss des plötzlichen feindlichen Angriffes auf die Stimmung der dortigen Bevölkerung, eine schnelle Verschiebung der Frontlinie zum Osten und Sabotageaktionen feindlicher Agenten auf unserem Territorium".

         Und das ist auch nicht alles: "Das Reserveführerpersonal und technisches Reservepersonal, mechanisierte Fahrzeuge und das Fahrerpersonal, das aus den östlichen (d.h. ab 1919 unter der Gewalt der Bolschewiken befindlichen – M.S.) Gebieten zugeteilt wurde, hat sich auch bei der Armee nicht eingefunden… "  Und diese Informationen wollte General Wladimirskij gar nicht kommentieren…

 

         Zum Schluss des Kapitels betonen wir noch einmal das Wichtigste. Die Rote Armee war keinesfalls unbewaffnet.  Im Verlaufe der geheimen Vorkriegsmobilmachung bekam sie schon viele, bedeutend viel mehr Personal, Kanonen, Panzern und Traktoren im Vergleich zum Feind zugeteilt. Die Vereitelung der Pläne zu einer offenen Mobilmachung schwächte ihre Kampfmöglichkeiten, aber machte sie nicht gleich Null.

         Und trotzdem sind die ersten Klänge der Sterbeglocke bereits ertönt. Die vielgepriesene Stalinsche „Ordnung“ artete gerade in den ersten Stunden der Auseinandersetzung mit einem richtigen bewaffneten Feind in beispielloses Chaos und Anarchie aus. Die theoretisch ganzheitliche Kriegsmaschinerie begann, in einzelne Zahnräder zu erfallen, bevor die ersten Schüsse fielen.

 

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