Kapitel 24. Wie war es - 1

        Der Leser, der genug Kräfte und Geduld hatte, um Hunderte vorhergehende Seiten zu lesen, muss sich klar die qualitativen Parameter einer Gruppierung der sowjetischen Luftwaffe vorstellen: Anzahl der Regimente, Flugzeuge, Flugplätze und Flugzeugbesatzungen. Eine Aufgabe, wie die Vernichtung der Luftwaffe der Westbezirke mit dem ersten Schlag, konnte auf eine einzige Art gelöst werden: Massenverwendung der Raketen- und Atomwaffe. Aber die Deutschen hatten sie nicht. Sie hatten auch keine üblichen Vernichtungswaffen in der Menge, die genug war, um den Stoß auf den Großteil der Flugplätze in den Westbezirken gleichzeitig zu legen. Sie hatten sogar keine Kräfte, die die Luftwaffe am 10. Mai 1940 an der 300-km langen Front beim Eindringen in Belgien und Frankreich konzentrieren konnte. Es sei betont, dass der größte Verbrecher und Abenteurer selbst auch die Übermäßigkeit seiner Absicht verstand und sogar laut zugab:

"…Die unübersehbare Weite des Raums macht die Konzentration der Truppen in wichtigsten Orten nötig. Luftwaffe und Panzer sind im wichtigsten Ort konzentriert in die Schlacht zu werfen. Bei dieser Weite des Raumes ist die Luftwaffe nicht imstande, (hier und unten von mir unterstrichen - М.S.) ihn gleichzeitig völlig zu erfassen; am Kriegsanfang kann sie nur die Teile der wiesigen Front unter Kontrolle bringen...." ( 12 )

        Die Vernichtung „der ganzen Luftwaffe der Westbezirke“ hätte in den ersten Kriegsstunden nicht erfolgen können, weil es nie hätte passieren können. Das Beste, was sich das Oberkommando der Luftwaffe erhoffte – die Panzerspitzen „in wichtigen Gebieten der gigantischen Front“ aus der Luft zu decken.  Der in der Tat erreichte Erfolg übertraf die kühnsten Erwartungen der Hitlerschen Führung. Als die Menge der am Boden entdeckten sowjetischen Flugzeuge zweitausend überschritt, beauftragte selbst H. Göring (ein dicker und ekelhafter Mann, jedoch Militärflieger im 1. Weltkrieg) eine speziell gebildete Kommission mit der Inspizierung der besetzten Flugplätze, um die Glaubwürdigkeit der Berichte von deutschen Kommandeuren zu prüfen …

 

       Was geschah in den ersten Kriegsstunden und –tagen?

       "Die größten Verluste erlitt in den ersten Stunden die Luftwaffe der Westfront.

Am Ende des ersten Kriegstags betrugen die Verluste hier 738 Flugzeuge, 528 Flugzeuge  von denen wurden am Boden und 210 – in der Luft zerstört". So lautet die klassische Version der sowjetischen Historiographie (oben ist die wahrheitsgetreue Zeitung „Prawda“ vom 6. Dezember 1966 zitiert). In der fundamentalen Monografie von M.N. Kozhewnikow (27) ist eine wichtige Klarstellung zu diesen Ziffern hinzugefügt: "Die 9. gemischte Fliegerdivision verlor 347, die 10. – 180, die 11. – 127 Flugzeuge… Im Laufe eines Tages zerstörte der Gegner 387 Jagdflugzeuge und 351 Bombenflugzeuge der Luftwaffe im westlichen Sondermilitärbezirk".

         Diese Zahlen, die aus einem Buch in ein anderes übernommen wurden, stimmen mit der elementaren Schularithmetik entscheidend nicht überein. drei „gemischte“ (nach der damals geltenden Terminologie) Fliegerdivisionen der ersten Staffel der Luftwaffe der Westfront (die 11. gemischte Fliegerdivision, die 9. Fliegerdivision, die 10. Fliegerdivision) hatten im Bestand nur 172 Bombenflugzeuge. Wenn wir nur annehmen, daß sie alle am ersten Tag zerstört wurden (und diese Vermutung ist ziemlich undurchdacht), so hätten die Jagdflugzeugverluste nur in diesen drei Divisionen rein mathematisch 482, (347+180+127-172), aber gar bei weitem nicht 387 erreichen sollen. Wenn sogar manche Bombenflugzeuge der 9., 10. und 11. Divisionen übrigblieben, so hätten die Jagdflugzeugverluste arithmetisch noch höher sein sollen. Und mit Rücksicht auf die Jagdflugzeugverluste der 43. JagdFliegerdivision – noch höher …

         Wahrscheinlich ist es höchste Zeit, die einfachste und wichtigste Frage zu stellen – und wer hat, diese „Zerstörung der sowjetischen Luftwaffe durch einen überraschenden Angriff auf Flugplätze“ gesehen? Wo kommt eigentlich diese komische Hypothese her, die uns über 50 Jahre lang als ein indiskutables Axiom vorgeschlagen wurde? Worauf beruhen diese „allgemein gültigen Zahlen“?

        Das Gebiet des „Belostoker Frontbogens“, in dem sich die 11., 9. und 10. gemischte Fliegerdivisionen entfalteten, wurde von Infanterie- und Panzerdivisionen der Wehrmacht in den ersten 3-4 Kriegstagen durch eine Zangenbewegung eingeschlossen.  In der Einkesselung und beim ungeordneten Rückzug waren Dutzende Generäle, Tausende Panzer und Hunderte Tausende Soldaten verschollen. Ist das möglich, dass ein Teilnehmer dieser beispiellosen Katastrophe eine glaubwürdige Aufstellung der Flugzeuge zusammenstellen konnte, die auf den Flugplätzen durch einen Luftangriff zerstört wurden? Unter genauer Angabe des Verzeichnisses der Beschädigungen, die diese Flugzeuge bekamen, unter Angabe der Uhrzeit des feindlichen Luftangriffes? Und wenn solch eine „Auflistung“ existiert, warum wurde sie im Laufe von sechs vergangenen Jahrzehnten nicht veröffentlicht?

        In der oben schon erwähnten akademisch-soliden Monografie von Kozhewnikow folgt den Angaben über die Verluste der Luftwaffe an der Westfront ein Hinweis… auf das populäre Buch „Luftwesen und Raumfahrt in der UdSSR“! Es ist genau so gut am Platze, wie z.B. ein Hinweis auf einen Roman von Jules Verne in einer modernen Monografie über die Projektierung von U-Booten. Marschall G.W. Simin nimmt in seinem für das Führungspersonal der Luftwaffe bestimmten Werk "Taktik an Kampfbeispielen ", indem er die vorgeschriebene Beschwörung wiederholt ("dem Gegner ist es gelungen, bis 1200 Flugzeuge zu zerstören, 800 davon auf Flugplätzen"), Bezug auf…die propagandistische Broschüre „Waffenruhm der sowjetischen Luftstreitkräfte“, die 1953 veröffentlicht wurde! Und dabei gibt es am Ende der Monografie von Simin ein paar Seiten ununterbrochener Bezugnahmen auf das zentrale Archiv des Verteidigungsministeriums…

        Und jetzt gehen wir von der Schularithmetik zur Taktik und operativen Kunst über. Wenn wir der kanonischen Version glauben, so wurde in drei Divisionen der Luftstreitkräfte der Westfront mehr als die Hälfte (654 Flugzeuge von 1200) aller am ersten Kriegstag insgesamt verlorenen Flugzeuge und zwei Drittel (528 von 800) aller „am Boden verlorenen Flugzeuge“ verloren. Wie ist das möglich geworden? Selbstverständlich können nur Telegraphenmasten gerade und gleich sein, aber der für alle sowjetischen Luftstreitkräfte gemeinsame Grund  - „ein überraschender Angriff auf Flugplätze“ – hätte doch keine solch unterschiedlichen Ergebnisse zur Folge haben. Sollte dieses Unglück dadurch passiert sein, daß Stalin sich fürchtete, "Hitler einen Anlass zum Überfall zu geben, und deshalb verbot, die Truppen in Kampfbereitschaft zu versetzen", warum wurden die Folgen dieses bösen (oder dummen) Willens von Stalin dann so ungleichmäßig verteilt? Warum betrugen die Verluste in drei Divisionen von fünfundzwanzig die Hälfte der Gesamtverluste?

         Genau gesagt, gab es bedeutend mehr Fliegerdivisionen, als fünfundzwanzig. Die ganze Gruppierung der sowjetischen Luftstreitkräfte auf dem westlichen Kriegsschauplatz bestand aus 48 Fliegerdivisionen. Wenn wir von dieser Liste die Divisionen der Luftstreitkräfte des Leningrader Militärbezirks streichen, wenn wir eine große Anzahl der neuen aufgestellten Einheiten streichen, wenn wir die Langstreckenbomberdivisionen streichen (die aufgrund ihres geographischen Standortes gar nicht als Erste angegriffen werden konnten), kommen wir auf die kleinste Zahl - 25. Sind Sie einverstanden, daß sowjetische (und sich ihnen anschließende russische) Historiker eine komische Logik an den Tag legen: Die Ereignisse auf 3 Objekten von 25 gelten für „typisch“, und die Situation in 22 Objekten von 25 gilt als eine einzige Ausnahme, die nicht einmal eine einfache Erwähnung verdient!

         Wir gehen einen anderen Weg. Zuerst betrachten wir den Verlauf der Ereignisse an den Flanken der sowjetisch-deutschen Front, dann in Kiewer und Baltischer Militärbezirken und erst danach, nachdem einen Überblick bekommen hatten, gehen wir zum den Umständen der nie dagewesenen Zerschlagung der ersten Staffel der Luftstreitkräfte der Westfront über.

 

 

         Der Leningrader Militärbezirk 

 

         Die Bodentruppen und Luftstreitkräfte des Leningrader Militärbezirkes (der Nordfront) führten keine aktiven Kampfhandlungen in den ersten drei Kriegstagen. Der Einsatz der deutschen Luftwaffe beschränkte sich auf einige Flüge der Aufklärungsflugzeuge nicht weit von Leningrad (ein Aufklärer wurde am 23. Juni von der Flugabwehrartillerie abgeschossen, ein anderer wurde von Flaks getroffen und stürzte beim Rückflug zu seinem Flugplatz ab). An demselben Tag, am 23. Juni trugen die Luftstreitkräfte der Nordfront den ersten Sieg in der Luft davon: Der Flieger des 158. Jagdregimentes Leutnant A.W. Tschirkow schoss mit dem damals neuesten Jagdflugzeug Jak-1 im Raum zwischen Pskow und Ostrow ein deutsches Flugzeug ab. Zum bedeutendsten Ereignis der ersten Tage wurde die Minierung der Bucht von Kronstadt aus der Luft beim Tagesanbruch am 22. Juni durch eine Staffel der „Junkers“ Ju-88 aus der Marinegruppe KGr-806. 

         Ein bisschen aktiver waren die Luftstreitkräfte der Baltischen Flotte. Schon um 6 Uhr morgens am 22. Juni (d.h. zum selben Zeitpunkt, als im weit entlegenen Moskau im Arbeitszimmer von Stalin die erste dringende Beratung stattfand) machten die Flugzeuge der Baltischen Flotte Bombenangriffe auf finnische Schiffe, die die Truppen auf die Alandischen Inseln ausschifften (die Inseln gehörten Finnland, aber sie hatten den Status einer entmilitarisierten Zone), und Festigungen auf der Insel Korpo (30 km westlicher der finnischen Stadt Turku). Übrigens war dieser Luftschlag fast ergebnislos.

         Ein richtiger Krieg begann morgen früh am 25. Juni, als die Luftstreitkräfte der Nordfront zusammen mit den Luftstreitkräften der Baltischen Flotte und der Nordflotte einen Massenschlag auf finnische Militärobjekte (darunter auch Flugplätze) legten. Der Faktor der Überraschung, der von der sowjetischen Führung zur Gänze ausgenutzt wurde, wurde um eine für den Verteidiger ganz „ungünstige“ Geografie ergänzt. Der Großteil der sowjetischen Bombenflugzeuge flog ihre Ziele von dem Finnischen Golf aus an.  Die Finnen konnten Hunderte Beobachtungspunkte des Luftbeobachtungs- und Alarmdienstes über Wasser nicht unterbringen, Ortungsgeräte gab es im Bestand der bettelarmen finnischen Armee überhaupt keine; im Ergebnis ertönte des Luftalarmsignal während der ersten Überfälle oft schon nach Bombeneinschlägen. Wollen wir keine Sekunde auf die Besprechung der politischen Gründe verschwenden, die zu den Ereignissen des 25. Juni geführt hatten, und betrachten wir den Verlauf und den Ausgang dieser – wie sowjetische Historiker behaupteten – „ersten mehrtägigen Operation der sowjetischen Luftstreitkräfte“. 

         In der mehrmals oben erwähnten Monografie vom Generalmajor der Luftstreitkräfte, Doktor der Wissenschaften, Professor M.N. Kozhewnikow  ("Das Kommando und der Stab der Luftstreitkräfte der Sowjetischen Armee im Großen Vaterländischen Krieg ") können wir folgendes lesen:

       "Morgen früh am 25. Juni legten 236 Bombenflugzeuge und 224 Jagdflugzeuge den ersten Massenschlag auf

19 Flugplätze. (hier und nachfolgend von mir unterstrichen - М.S.) Der Gegner hatte solch einen Schlag nicht erwartet, deshalb wurde er so gut, wie überrumpelt und konnte keinen Widerstand leisten. Im Ergebnis warfen sowjetische Flieger Bomben auf Flugzeugstandorte, Lager mit Brennstoff und Munition erfolgreich ab. Auf den Flugplätzen wurden 41 feindliche Flugzeuge zerstört. Unsere Luftstreitkräfte erlitten keine Verluste. In den nächsten 5 Tagen wurden auf diese und von der Luftaufklärung neu entdeckte Flugplätze noch ein paar effektive Schläge gelegt.  Den Angaben der luftgestützen Fotoüberwachung zufolge machten sowjetische Flieger, indem sie insgesamt 39 Flugplätze angegriffen hatten, ungefähr 1000 Abflüge, zerstörten und setzten außer Gefecht 130 Flugzeuge des Gegners. Das Kommando der deutsch-faschistischen Truppen in Finnland und Nordnorwegen wurde gezwungen, seine Luftwaffe auf weitere rückwärtige Flugplätze zu verlagern …" (27)

        Geben sie zu, dieser Text deckt sich in vielen Punkten mit der standardmäßigen Beschreibung des ersten Luftangriffes auf sowjetische Flugplätze. Und die quantitativen Angaben (460 Flugzeuge in der „ersten Welle“) sind mit den Aktionen der 1. Luftflotte der Luftwaffe im Himmel von Baltikum vergleichbar. Den Unterschied ist nur in den Ergebnissen zu erkennen. Auch wenn wir die oben genannten Zahlen auf Treu und Glauben annehmen, stellt es sich heraus, dass die sowjetischen Luftstreitkräfte 1000 Abflüge dafür brauchten, um in 6 Tagen (und nicht im Laufe der ersten 6 Stunden!) 130 Flugzeuge des Gegners zu zerstören. Schon diese Arithmetik ist mit der Legende über die unvermeidlichen "1200, 800 davon – am Boden" sehr schwach vereinbar.

         Dokumente des Kommandos der Luftstreitkräfte der Nordfront, die im zentralen Archiv des Verteidigungsministeriums aufbewahrt werden, und Werke moderner finnischer Historiker beschreiben jedoch ein ganz anderes Bild. Als das einzige wahre Wort im Werk von Professor Kozhewnikow soll man die Bezeichnung des Monats (Juni) gelten lassen.  Alles andere sieht vor dem Hintergrund von reellen Tatsachen als Beilspiel für „schwarzen Humor“ aus.

         In der Tat dauerte die Operation genau zwei Tage, dabei machten die Bombenflugzeuge der Luftstreitkräfte der Nordfront schon am zweiten Tag (am 26. Juni) nur ein paar Aufklärungsflüge über dem finnischen Raum. Die Gesamtzahl der Flugplätze, auf denen die finnische Luftwaffe, die zum Objekt des Bombenangriffes wurde, stationiert war, betrug sieben. Nur auf einem Flugplatz (in der Stadt Turku) wurde ein einziges Flugzeug der finnischen Luftwaffe außer Gefecht gesetzt.  Durch eine komische Ironie des Schicksals der Umstände war es ein sowjetisches Beutebombenflugzeug SB. Alle anderen „Schläge auf Flugplätze“ waren entweder ergebnislos, oder führten zu schweren Verlusten des Angreifers.

         Zu einem der dramatischsten derartigen Ereignisse wurde der Luftangriff der sowjetischen Luftstreitkräfte auf den finnischen Flugplatz Jorojnen. Um 11:45 Uhr näherte sich eine große Gruppe von Bombenflugzeugen SB (14 oder 15, laut verschiedenen Quellen) aus dem 72. Bombenflugzeugregiment auf einer verhältnismäßig kleinen Höhe (1000 m  nach finnischen Angaben) dem Flugplatz. Taktisch richtige Handlungen des Regimentkommandos wurden durch ein Glück ergänzt – die Bombenflugzeuge kamen zum Flugplatz gerade zu dem Zeitpunkt, als die zweite Staffel der Jagdgruppe LLv-26 nach einem langen Beobachtungsflug mit leeren Tanks auf dem Flugplatz landete. Nebenbei merken wir an, dass gerade solch eine Situation – der Überfall auf den Flugplatz während der Betankung der vom Beobachtungsflug zurückgekehrten Flugzeuge – in der heimischen Geschichte für die Erklärung der riesigen „Verluste“ der sowjetischen Luftstreitkräfte „am Boden“ oft verwendet wird: Die Deutschen wären angeblich immer „nicht rechtzeitig“ angeflogen gekommen.  Die Einsatzgruppe des 72. Bombenflugzeugregiments wäre zur Bombardierung des Flugplatzes Jorojnen auch nicht ganz „rechtzeitig“ (aus finnischer Sicht heraus) angeflogen gekommen. Aber nur die Reaktion der finnischen Jagdflieger stellte sich als ganz rechtzeitig und klar heraus.

         2 diensthabende Fiats vom Dienst erhoben sich unverzüglich in die Luft und griffen den ihnen zahlenmäßig mehrmals überlegenen Gegner an. Im Ergebnis wurden drei Bombenflugzeuge unmittelbar nicht weit vom Flugplatz abgeschossen, und die übrigen, nachdem sie die Bomben ungeordnet abgeworfen hatten, schlugen den Rückweg ein. Nach ein paar Minuten fing die per Funk gerufene 3. Staffel LLv-26 die Bombenflugzeuge des 72. Bombenflugzeugregiments nicht weit vom Dorf Kerissalo ab (12 km südöstlicher von Jorojnen). Im angefangenen Luftkampf wurde die Einsatzgruppe des 72. Bombenflugzeugregiments endgültig zerschlagen. Dem Bericht des Kommandeurs der finnischen Staffel Leutnant U. Nijeminen zufolge blieben am Ende des Luftkampfes nur 4 SB übrig, „hinter einem von denen sich ein Rauchschleier zog“.  In der Tat schossen die finnischen Jagdflugzeuge nicht 10 (wie von ihnen gemeldet), sondern 9 Bombenflugzeuge des 72. Bombenflugzeugregiments ab. Das zehnte sowjetische Bombenflugzeug wurde schon über dem sowjetischen Gebiet von einem sowjetischen Jagdflugzeug abgeschossen. Unter den Gefallenen war auch der Kommandeur der Staffel des 72. Bombenflugzeugregiments Hauptmann Poljakow. Aber die finnische Jagdgruppe LLv-26 verlor an dem Tag kein einziges Flugzeug – sowohl in der Luft, als auch am Boden.

         Insgesamt verloren die Luftstreitkräfte der Nordfront und die Luftstreitkräfte der baltischen Flotte im Laufe von zwei Operationstagen unwiederbringlich 24 Bombenflugzeuge. (142) Es gab keine Spur der Verlagerung der finnischen Luftwaffe „auf rückwärtige Flugplätze“. Vollkommen fantastische Zahlen ("39 Flugplätze", "130 feindliche Flugzeuge") kann man gar nicht mit reellen Ereignissen auch weit entfernt in Verbindung bringen… 

         Im Großen und Ganzen arbeiteten im Juni 1941 die Truppen der Nordfront und ihre mächtigen Luftstreitkräfte den hoffnungslos veralteten Vorkriegsplan der Deckung Punkt für Punkt weiter ab.  Der Durchbruch von deutschen Panzerdivisionen zu Schaljai, Kaunas und Vilnius übte keinen merklichen Einfluss auf die Entscheidungen und  Handlungen des sowjetischen Kommandos in Leningrad aus.  Auch es ist schwer zu sagen, ob das Kommando der Nordfront vom katastrophalen Hergang der Ereignisse im Gebiet der Nachbarfront wusste? Aus der Sicht des heutigen Tages heraus klingt diese Frage komisch, aber immerhin erteilte am 24. Juni, am dritten Kriegstag, der Stab der Nordfront die Kampfverordnung Nr. 5.  Punkt 3 dieses Dokuments lautete: "Die Erfahrung der ersten Kriegstage zeigte, dass im Kampf gegen die Deutschen die Initiative des Führungspersonals eine wichtige Rolle spielt. Dank der entfaltenen Initiative ist es gelungen, den Angriff der deutschen Truppen an der West- und Südwestfront zu stoppen, mit Ausnahme eines Abschnitt, wo es den Deutschen gelang, dank einer riesigen zahlenmäßigen Überlegenheit bis zu 20 km vorzudringen ". ( 153 )

         Wiederholen wir noch einmal – das ist kein Text eines Leitartikels in einer Bezirkszeitung und keine Übung im „schwarzen Humor“. Das ist eine Kampfverordnung des Frontstabs. Ein Dokument mit dem Vermerk „streng vertraulich“,  nach dem sich Kommandeure aller Ebenen in ihren praktischen Handlungen richten mussten.  Indem das Kommando sich und seine Untergeordneten tröstete (oder betrog), verurteilte es die Luftstreitkräfte der Nordfront zum passiven Warten auf den deutschen Durchbruch zur Westdwina (Daugawa). Das Abwarten endete am Abend des 1. Juli, als große Gruppen der Bombenflugzeuge der 2. gemischten Fliegerdivision die ersten Schläge auf deutsche mechanisierte Kolonnen legten. (154) Leider befanden sich diese Kolonnen schon in der Nähe von Kraslaw (40 km östlich von Daugawa), und von den Luftstreitkräften der Nordwestfront (ehemals Baltischer Sondermilitärbezirk) blieben damals schon nur Erinnerungen übrig…

 

         Wenn die Hauptteile der Luftstreitkräfte des Leningrader Militärbezirks Kampfhandlungen gegen deutsche Truppen mit einer großen Verspätung begannen, fing der Luftkrieg an der äußersten Nordflanke des sehr großraumigen Bezirks mit einem bedeutenden „Zeitvorsprung“ an. Zum ersten Mal wurden deutsche Aufklärungsflugzeuge von der Flugabwehrartillerie des Hauptstützpunktes der Nordfront (Poljarnij - Murmansk) um 20:50 Uhr am 18. Juni 1941 beschossen. Wahrscheinlich waren es die ersten Artilleriesalven des Krieges. Am 19. Juni um 11:32 Uhr eröffneten Flugabwehrbatterien das Feuer gegen eine deutschen Junkers Ju-88, die auf einer großen Höhe über dem Hauptstützpunkt flog. 240 Geschosse wurden leider ergebnislos verbraucht. Am 20. Juni um 16:45 wurde von der Flugabwehrartillerie der Nordfront ein weiteres unbekanntes Flugzeug im Himmel über Seweromorsk beschossen.  (155)   Es sei betont, dass es keine Spuren des berüchtigten „Stalinschen Befehls, der verbot, deutsche Aufklärungsflugzeuge abzuschießen“ in Dokumenten und den tatsächlich stattgefundenen Ereignissen entdeckt wurden. Gegen Flugzeuge, die die Grenze verletzten, wurde massives Feuer eröffnet, und wenn sie nicht abgeschossen wurden, dann gar nicht aufgrund der überflüssigen Friedlichkeit.

         Am 22. Juni bombte die deutsche Luftwaffe in Ketten und mit einzelnen Flugzeugen Schiffe, Stützpunkte und Flugplätze der Luftstreitkräfte der Nordfront -  ohne irgendwelches sichtbare Ergebnis. Der erste Gegenstoß aus der Reihe der ergebniswirksamen Gegenstöße wurde am 24. Juni von 9 SB aus dem 72. gemischten Flugzeugregiment versetzt. Nach dem Bombenagriff auf den deutschen Flugplatz Hebukten (in der Nähe der norwegischen Stadt Kirkenes) war auf dem Flugplatz ein Brand zu sehen, und den Angaben der Funkaufklärung zufolge " benachrichtigte um 18:53 die Funkstelle Kirkenes ihre Flugzeuge über die Beschädigung des Flugplatzes". Auf dem Rückflug wurde ein SB von deutschen Jagdflugzeugen abgeschossen. An diesem Tag wurde der erste Sieg im Luftkampf davongetragen: Oberleutnant B. Safonow (der zukünftige beste As des Polarhimmels) schoss um 19:40 mit einem Jagdflugzeug I-16 eine deutsche „Junkers-88“ aus der Bombenflugzeuggruppe KG-30 ab. Innerhalb der nächsten 10 Tage fielen in Luftkämpfen Kommandeure der Bomben- (II/KG-30) und Jagdflugzeuggruppe (IV/JG-77) der Luftwaffe.

        Morgen früh am 25. Juni flogen acht SB aus dem 72. gemischten Flugzeugregiment zwecks eines Luftangriffes auf den finnischen Flugplatz Luostari ab, auf den damals die einzige im Polargebiet Jagdstaffel  1./JG 77 verlagert worden war. Durch geringe Bewölkung und Nebel konnte die Aufgabe nicht erfüllt werden, aber nach dem ersten Schlag kamen nächste. Bis zum Ende des Tages wurde Luostari von kleineren Flugzeuggruppen noch fünfmal angegriffen. Beiderseits gab es keine Flugzeugverluste (eine SB, die die Orientierung verloren hatte, nicht mit eingerechnet, was eine Notlandung in der menschenleeren Tundra zur Folge hatte). 

        Der Flugplatz Luostari war nicht das einzige Objekt der Luftangriffe am 25. Juni. Die Luftstreitkräfte der Nordflotte versuchten, den norwegischen Hafen Kirkenes zu bomben, aber nachdem sie auf starken Nebel getroffen hatten, flogen sie zum Stützpunkt zurück. Gebombt wurde auch der finnische Hafen Liinahamari im Raum Petsamo. Am Abend des 25. Juni legten die Luftstreitkräfte der Flotte einen Bombenschlag auf den weit gelegenen norwegischen Flugplatz Banak, auf dem deutsche Bombenflugzeuge stationiert waren.  Am 26. Juni 1941 machten die Luftstreitkräfte der Nordflotte Einzel- und Gruppenangriffe auf Petsamo, Kirkenes, Luostari und Wadsjo. Die Bombenflugzeuge aus dem 137. Bombenflugzeugregiment der Frontluftstreitkräfte machten 2 weite Streifzüge in die Tiefe von Finnland und bombten die Flugplätze Rowaniemi und Kemijarwi (mehr als 400 km geradeaus von Murmansk). Leider erlitt die in Rowaniemi stationierte Kette der Langstreckenaufklärungsflugzeuge der Luftwaffe keine Flugzeugverluste.

         Der Einsatz der deutschen Luftwaffe war etwas effizienter. Am 29. Juni wurden im Laufe eines Luftangriffes auf den Flugplatz Waenga 6 sowjetische Flugzeuge am Boden zerstört. Insgesamt betrugen die Verluste der sowjetischen Luftstreitkräfte hinter dem Polarkreis im Juni 1941 38 Flugzeuge, 8 davon auf den Flugplätzen. Die erbittertsten Kämpfe wurden im Juli 1941 geschlagen – Die Deutschen drangen verbissen zum Murmansker Hafen und der Eisenbahn vor, die das Polargebiet mit dem „Großland“ verband. Spät am Abend des 3. Juli (das Wort „Abend“ bedeutet hier nur die Uhrzeit – die Sonne geht in diesen Regionen im Juli nicht unter) versuchten 8 Junkers unter Deckung von 6 Messerschmidten, abermals den sowjetischen Flugplatz Waenga anzugreifen. Im angefangenen Luftkampf schossen die „Esel“ und „Möwen“ 2 Flugzeuge des Gegners ab (was von deutschen Dokumenten bestätigt wurde), während sie kein einziges Flugzeug– sowohl in der Luft, als auch am Boden unwiederbringlich verloren. Ein bisschen vorgreifend, stellen wir fest, dass der größte Luftangriff auf den Flugplatz Waenga von Deutschen am 6. August gemacht wurde – mit 5 Staffeln auf verschiedener Höhe und aus verschiedenen Richtungen wurde der Flugplatz von 36 Bombenflugzeugen der Luftwaffe angegriffen. Ergebnis – ein Pe-2 ist zerstört, noch 3 Flugzeuge wurden beschädigt.

        Am 7. Juli versetzten die Luftstreitkräfte der Nordflotte einen deutlichen Gegenstoß. 9 SB aus dem 72. gemischten Flugzeugregiment bombten den Flugplatz Hebukten. Aus der 3 km Höhe wurde auf das Flugfeld 36 FAB-100, 12 Brandbomben und Behälter mit Splitterbomben kleinen Kalibers abgeworfen. Nach den Berichten der Besatzungen wurden am Boden 15 Flugzeuge des Gegners zerstört (deutsche Dokumente bestätigen die Verluste von 2 Flugzeugen). ( 133 )

         Eine kurze Übersicht über den Einsatz und die Verluste der Luftstreitkräfte der Nordfront und Nordflotte zusammenfassend, können wir eine ganz bestimmte Schlussfolgerung ziehen: In den nördlichen Breiten hat das Zauberstäbchen unter dem Namen „Schlag auf Flugplätze“ sowohl in deutschen, als auch in sowjetischen Händen deutlich versagt. Im Polargebiet betrugen die Gesamtverluste der sowjetischen Luftstreitkräfte (aus allen Gründen, einschließlich Pannen) im Juli 1941 80 Flugzeuge, 21 Flugzeuge davon wurden auf Flugplätzen verloren – gerade ein Zehntel der ursprünglichen Stärke der Gruppierung. Und im Laufe eines Tages, sondern des ganzen Monats der Kämpfe.

 

          Der Odessaer Militärbezirk

 

          An der Südflanke des Krieges setzten sich die sowjetischen Luftstreitkräfte im Odessaer Bezirk (Südfront) und in der Schwarzmeerflotte aus 53 Staffeln (640 Besatzungen) der Jagdflugzeuge und 37 Staffeln (290 Besatzungen) der Bombenflugzeuge zusammen. Die Deutschen (das 4. Luftkorps der 4. Luftflotte der Luftwaffe) hatten in ihrem Bestand 12 Staffeln (150 Besatzungen) der Jagdflugzeuge und 12 Staffeln (100 Besatzungen) der Bombenflugzeuge. Eine geringe Anzahl der Bombenflugzeuge der Luftwaffe ist nicht zufällig – die Staffeln KG-4 und KG-27 hatten bisher an allen anderen Fronten viel gekämpft und bedeutende Verluste erlitten (so, z. B., verfügte die Gruppe II/KG-4 bei der Sollstärke von 40 Flugzeugen über nur 24 Heinkel, 8 davon kampfbereit). Außerdem nahmen an Kampfhandlungen ab den ersten Kriegsstunden Einheiten der rumänischen Luftwaffe teil (die insgesamt über 8 Staffeln Jagdflugzeuge und 11 Staffeln Bombenflugzeuge verfügten).   Wenn wir die taktisch-technischen Daten der Flugzeuge der rumänischen Luftwaffe und das Ausbildungsniveau des Flugpersonals außer Betracht lassen, so verminderte die Präsenz der rumänischen Luftwaffe die zahlenmäßige Überlegenheit der sowjetischen Seite „nur“ auf das Zweifache.

         Morgen früh am 22. Juni 1941 erschien im Himmel über den Flugplätzen des Odessaer Bezirks eine Menge verschiedenartiger Flugzeuge  (deutsche Heinkel und Messerschmidte, englische Blenheim, italienische Savoya-Marketti, französische Potez, polnische Bombenflugzeuge PZL-37 Los' und Jagdflugzeuge PZL-11). Der Gegner griff 6 Flugplätze an (von insgesamt 107, einschließlich operativer Flugplätze), auf denen Einheiten dreier Regimente der 20. GAD (das 4. JAR, das 55. JAR und das 45. BAR) und eines Regiments der 21. GAD (das 67. JAR) stationiert waren. Auf solche Weise wurden 4 Regimente von 12, die zu den LSK des Bezirks gehörten, vom Feind angegriffen. Odessa und Kischinew  wurden in den ersten Kriegstagen nicht gebombt (der rumänische Diktator Antonesku wollte aus politischen Gründen seinen „Kreuzzug um die Befreiung von Bessarabien“ mit Bombenangriffen auf Wohnviertel der dicht besiedelten Städte nicht beginnen).

         Sowjetische Flieger und Flakartilleristen leisteten flächendeckend harten Widerstand.  Die rumänische Luftwaffe verlor unwiederbringlich 11 Flugzeuge, darunter 9 zweimotorige Bombenflugzeuge. (156) Die Deutschen verloren unwiederbringlich eine Messerschmidt, die in der Nähe von der Stadt Balta abgeschossen wurde; mindestens drei Heinkel-111 wurden beschädigt (diese Zahlen werden ein bisschen reduziert sein, weil die Verluste am 22. Juni in den Dokumenten der Luftwaffe an Folgetagen hätten dargestellt werden können). In den Berichten der sowjetischen Jagdflugzeuge stehen natürlich bedeutend höhere Zahlen, aber sogar ein Dutzend Kampfflugzeuge, die im Laufe von einem Tag zerstört wurden, war ein deutlicher Verlust für den Gegner (vor allem für die zahlenmäßig schwachen rumänischen LSK).

         Am aktivsten waren an diesem Tag die Jagdflugzeuge des 67. IAR. Die Flieger des Regiments machten 117 Kampfabflüge (durchschnittlich 2 pro funktionsfähiges Flugzeug – für die sowjetischen LSK ist das ein sehr hoher Wert) und meldeten 18 feindliche Flugzeuge abgeschossen. Die Verluste selbst betrugen 6 Flugzeuge, von denen nur eins zur Kategorie „vom Gegner auf dem Flugplatz zerstört“ gehört (beim Anlauf kam eine I-16 in einen Trichter, der nach einer Bombenexplosion entstand, und überschlug sich). Kein einziges Flugzeug verlor am 22. Juni das 4. JAR, aber die Kampferfolge dieses Regiments, das ihren Bestand um 60 MIG erweitert hatte, waren ehrlich gesagt, waren, sehr bescheiden (es steht sicher fest, es wurde nur eine Blenheim abgeschossen). Übrigens hätte man das auf den fehlenden würdigen Gegner zurückführen können – das Regiment war in der Nähe von Kischinew-Grigoriopol stationiert, wo die gegnerische Luftwaffe keine besondere Aktivität zeigte. 

         Keine unwiederbringlichen Verluste erlitt auch das 55. JAR, obwohl mindestens drei MIGs beim feindlichen Luftangriff auf den Flugplatz Belzi beschädigt wurden. Die größten Verluste des Tages waren die Verluste von 5 Bombenflugzeugen am Boden (3 SB und 2 Pe-2) aus dem 45. BAR. (156) Insgesamt betrugen die unwiederbringlichen Verluste der Luftstreitkräfte des Odessaer Militärbezirkes ein bisschen mehr als 1 Prozent (!) von der ursprünglichen Anzahl der Kampfflugzeuge. Insgesamt können die Verluste der LST des Bezirks, unter Berücksichtigung der beschädigten Flugzeuge und Ausbildungsflugzeuge, bis 25-30 Flugzeuge „reichen“. Selbstverständlich konnten sich heimische Historiker solch eine Mißachtung des Mythos über „den ersten vernichtenden Schlag auf Flugplätze“ nicht gefallen lassen. Und schon im Buch von D. Hasanow steht folgender Satz: "Die Verluste stellten sich als bedeutend mehr, als in dem ursprünglichen Bericht angegeben (23 Flugzeuge) heraus. Nach deutschen… Angaben schossen allein die Flugzeuge des 4. Flugkorps 16 russische Flugzeuge ab und zerstörten weitere 142 am Boden ". (156) 

          Die Fortführungspunkte stehen hier für 2 Wörter, deren entlarvende Offenheit wunderschön wirkt: "offenbar übertrieben". Es lohnt sich nicht, diese Definition abzustreiten, - die Berichte der Flieger über die Anzahl der von ihnen am Boden zerstörten Flugzeuge waren „Jagdgeschichten“ in zügellosestem Sinne dieses Ausdrucks (oben, im Kapitel 26 wurden die Angaben über die gemeldeten und tatsächlichen „Verluste“ der Luftwaffe „am Boden“ angeführt). Wozu hätte man die Erzählungen von Münchhausen aus der Luftwaffe in den Raum stellen müssen, wenn Berichte der Kommandeure von sowjetischen Luftregimenten über die Anzahl der Abflüge und Verluste vorlagen (gerade darauf nimmt D. Hazanow unter Angabe der Nummer im Archiv in seinem Buch Bezug)?   

        Die Bezugnahme auf die „Jagdgeschichten“ deutscher Flieger  ist schon ein neues Wort im Kampf für die Unversehrtheit des alten Mythos. Die traditionelle Betrachtungsweise war in diesem Falle anders: "Einen Mythos untermauert man mit einem anderen". Nachträglich wurde solch eine „Legende“ erarbeitet: Das Kommando des Odessaer Militärbezirks hätte angeblich keine Angst gehabt, gegen das berüchtigte „Verbot von Stalin zu verstoßen, und die LSK des Bezirks auf ihre eigene Initiative in volle Gefechtsbereitschaft versetzt, sich auseinandergezogen und getarnt. Gerade deswegen waren die Verluste durch den ersten Luftangriff auf Flugplätze minimal.

        Leider ist diese Version einerseits erlogen, und andererseits – fehlerhaft. Erlogen ist sie derart, dass der „kollektive Stalin“ (d.h. die oberste militärpolitische Leitung der UdSSR) in den letzten Tagen vor Kriegsbeginn eine Weisung nach der anderen über die Erhöhung der Kampfbereitschaft, Tarnung und über das Auseinanderziehen der LSK in alle Bezirke ohne  Ausnahme gesendet hatte, und ALLE Befehlshaber der Luftstreitkräfte hatten diese Geheimmeldungen nicht nur bekamen, sondern auch Berichte über ihre Erfüllung erstatteten! Die Vorstellung davon, dass im Odessaer Bezirk Befehle besser, als woanders ausgeführt wurden, ist einfach irrtümlich.

         "...Trotz eines genügenden Zeitvorrats vom Zeitpunkt der Alarmausösung bis zum feindlichen Überfall ist es den Truppenteilen nicht gelungen, dem Schlag mit geringsten Verlusten auszuweichen und dem Feind Schaden zuzufügen. Der Feind ist unbeschoren davongekommen, und wir erlitten große Verluste am Boden wegen verbrecherischer Fahrlässigkeit und Unorganisiertheit… Die Verteilung des Kriegsgerätes war unbefriedigend in allen Regimenten… Tarnung gibt es so gut, wie keine; besonders schlecht sieht es im 55. JAR aus …" Das sind Zeilen aus dem Befehl, in dem der Kommandeur der 20. GAD Generalmajor Ossipenko die Bilanz des ersten Kriegstages zog. ( 156 )

         Wie stimmt diese mörderische Bewertung mit einem ziemlich optimistischen Bild überein, das von uns oben beschrieben wurde? Sie stimmt wunderbar überein. Alles erkennt man durch Vergleich. Der Kommandeur der 20. GAD verglich die Handlungen und Leistungen seiner Untergeordneten nicht mit einer Legende über „den ersten vernichtenden Schlag der Luftwaffe“ (wie konnte er sie am Abend vom 22. Juni wissen?), sondern mit den  Bestimmungen der Dienstordnungen und Vorschriften, Aufgaben und reellen Möglichkeiten der ihm unterstellten Division. Die 20. GAD war die größte Fliegerdivision des Odessaer Bezirks (325 Flugzeuge zum Stand am 1. Juni 1941) und am besten bewaffnet (122 neueste MIG-3 in 2 Jagdregimenten).  Wenn nach dem Zusammenstoß mit solch einem Monster das „fliegende Flugzeugmuseum“ der rumänischen LSK auf seine Stützpunkte zurückkehren konnte, wobei es Dutzende Flugzeuge verloren hatte, hätte man es ganz ruhig als „der Feind ist unbeschoren davongekommen“ einstufen können…

          Als ein weiterer Strich zum Bild „der ungewöhnlichen Organisiertheit“ in den Luftstreitkräften des Odessaer Militärbezirks kann das sowjetische Flugzeug Su-2 dienen, das am ersten Kriegstag von Pokrischkin abgeschossen wurde (ja, unser bester As, der dreifache Held der Sowjetunion A.I. Pokrischkin begann seinen Kampfweg im 55. JAR, in dem Regiment,  wo es überhaupt „keine Tarnung gab“). Das Flugzeug gehörte dem 211. BAR derselben 20. GAD, aber die „bolschewistische Konspiration“ kam so weit, dass niemand den Jagdfliegern dieses für die sowjetischen LSK neue Bombenflugzeug auch auf einem Bild gezeigt hat!

          Nach einem klaren Misserfolg, von dem die deutsch-rumänische Luftwaffe am 22. Juni ereilt wurde, wurden Kampfhandlungen in der Luft bedeutend weniger aktiv.  Die Seiten sammelten ihre Kräfte, führten Luftaufklärung und tauschten sporadische Schläge kleinerer Flugzeuggruppen aus. Unvergleichlich bedeutendere Ereignisse geschahen damals auf Flugplätzen auf der Krim.

 

         Der Leser, der mit der heimischen Memoirenliteratur und historischen Publizistik vertraut ist, muss die „Legende vom Admiral Kuznetsow und Sewastopol“ kennen. Kurzer Inhalt der Legende: der Marineminister N.G. Kuznetsow „hatte keine Angst, gegen Stalins Verbot zu verstoßen“ und erteilte einen schicksalhaften Befehl über die Versetzung der Flotte in Kampfbereitschaft, und im Ergebnis wurde der erste Überfall der deutschen Luftwaffe auf Sewastopol erfolgreich abgewehrt, und zwar mit großen Verlusten für den Aggressor. Aber bei einem etwas näheren Betrachten der Fakten kommen interessante Details zum Vorschein. Erstens war, die Weisung des Marineministers, die um 1:12 Uhr am 22. Juni 1941 an die Kommandos der Flotten gesendet wurde, eine fast wörtliche Wiederholung der ähnlichen Weisung Nr.1, die eine Stunde früher an die Leitung der Militärbezirke mit der Unterschrift des Verteidigungsministers Timoschenko gesendet worden war, einschließlich der traurig bekannten doppelsinnigen Hinweise ("auf  keine Provokationshandlungen hereinfallen, die große Komplikationen verursachen können …  Erhöhung der Kampfbereitschaft sorgfältig tarnen… keine anderen Maßnahmen ohne besondere Verordnung ergreifen..")  
        
Zweitens herrschte in dieser verhängnisvollen Nacht in der Flotte nicht weniger und nicht mehr Ordnung als in anderen Waffengattungen der Streitkräfte der UdSSR. Auf dem Hauptstützpunkt der Schwarzmeerflotte entwickelten sich die Ereignisse folgendermaßen. Um 2:15 am 22. Juni erteilte der Flugabwehrstab der Schwarzmeerflotte einen Befehl über die Einführung der Lichttarnung in Sewastopol. Zur vollständigen Sicherheit wurde die Stromversorgung der Stadt zentralisiert ausgeschaltet. Sewastopol versank in völlige Finsternis einer südlichen Sommernacht, in der die Lichter von 2 Leuchttürmen blendend leuchteten: in Inkerman und  Hersones. Die Drahtverbindung zu ihnen wurde abgebrochen (vermutlich von Saboteuren). Ein Bote vom Stab der Flotte erreichte den Leuchtturm in Inkerman nicht, und der Leuchtturm, dessen Sichtweite 24 Seemeilen betrug, leuchtete weiter, indem er die Stadt und den Hafen sicher enttarnte.

         Um 2:35 Uhr am 22. Juni entdeckte die Radarstation RUS-1 auf der Kappe Tarhankut ein Luftziel, das vom Westen kam. Um 3:05 orteten akustische Ortungsgeräte den Lärm von Flugzeugmotoren aus einer 20 km Entfernung von Sewastopol. Die Technik hat einwandfrei gearbeitet. Schwieriger war es mit Menschen. Die Kommandeure aller Ränge begannen fieberhaft klarzustellen, wem man die Verantwortung für die Entscheidung über die Feuereröffnung zuschieben kann. Der Befehlshaber der Schwarzmeerflotte Vizeadmiral Oktjabrski begann aus irgendwelchem Grund den Chef des Generalstabs Zhukow in Moskau anzurufen,  obwohl die Flotte gar nicht Zhukow unterstellt war. Der operative Diensthabende im Stab der Flotte (in dieser Nacht war es Flagchemiker der Schwarzmeerflotte Fregattenkapitän N.T. Rybalko) bekam wiederum von Admiral Oktjabrskij eine gute Belehrung: "Merken Sie sich, dass Sie morgen erschossen werden, wenn es in der Luft zumindest ein einziges Flugzeug von uns ist ". Wenn wir den Erinnerungen von Rybalko selbst glauben, so traf er und Stabschef der Flotte Konteradmiral I.D. Eliseew jedoch die Entscheidung, Feuer auf unbekannte Flugzeuge zu eröffnen. Aber I.S. Zhilin (damals Befehlshaber der Flugabwehr der Flotte) bestätigt in seinen Erinnerungen, dass er weder vom Stabschef der Flotte, noch vom Stabschef der Luftstreitkräfte der Schwarzmeerflotte Obersten Kalmikow irgendwelche konkreten Weisungen bekommen konnte, und befahl selbst, auf eigenes Risiko den Kommandeuren der Flugabwehrteile "alle Flugzeuge, die nicht weit von Sewastopol erscheinen werden, für feindliche Flugzeuge zu halten, mit Scheinwerfern zu beleuchten und darauf Feuer zu eröffnen".

        Das erste Bombenflugzeug erschien über Sewastopol um 3:13 Uhr am 22. Juni. Es wurde entdeckt und von Scheinwerfern beleuchtet, aber in demselben Zeitpunk wurde der Befehl gegeben, die Scheinwerfer auszuschalten und kein Feuer zu eröffnen. Der Stabschef des 61. Flugabwehr- und Artillerieregimentes I.K. Semenow erklärte das durch den Befehl, der vom Stab der Luftabwehr der Flotte erteilt worden war,  aber Zhilin weist auf unklare Handlungen des Kommandeurs des Regiment selbst hin… Wie dem auch sei, am ersten Luftangriff auf den Hauptstützpunkt der Schwarzmeerflotte in Sewastopol nahmen 4 (nach anderen Quellen - 5 oder sogar 9) deutsche Bombenflugzeuge Heinkel Не-111 aus der Luftgruppe KG-4 teil.  Die Flugzeuge flogen das Ziel einzeln an, mit großen Zeitabständen (15-25 Minuten) und warfen magnetische Bodenminen auf Fallschirmen ab.  Die Flugabwehrartillerie in Sewastopol verbrauchte 2150 Geschosse. Außerdem wurden deutsche Bombenflugzeuge von der Flugabwehrartillerie der Schiffe der Schwarzmeerflotte heftig beschossen. Die Notiz im Tagebuch der Kriegshandlungen und Aussagen vieler Teilnehmer der Ereignisse zeugen davon, dass eine Heinkel abgeschossen wurde und ins Meer um 4:10 fiel, aber aus den deutschen Dokumenten ist ersichtlich, daß die Gruppe II/KG-4 an dem Tag keine unwiederbringlichen Verluste erlitt. (158)

        So sah das Bild am 22. Juni 1941 in Sewastopol tatsächlich aus. In den Memoiren eines unseres verehrten Flottenführer (dessen Namen wir delikat nicht erwähnen werden) lesen wir:     

"Um Viertel nach drei zerschnitten mächtige Strahlen der Scheinwerfer den wolkenlosen Sternehimmel und begannen wie Pendel zu schaukeln, indem sie die Himmelskuppel befühlten, in  dem sich ein monotones mit jeder Sekunde stärker werdendes Geröll donnerte.  Endlich kam von der Meeresseite eine erschreckende Armada tief fliegender Flugzeuge. Ihre unendlichen Rabenreihen (von mir unterstrichen – M.S.) sausten der Reihe nach der Nordbucht entlang... Finstere Silhouetten der noch unbekannten Bombenflugzeuge flackerten bald in den Strahlen der Scheinwerfer auf, bald verschwanden sie in der Leere des Himmels..."

        "Die Geschichte hat uns wenig Zeit gelassen". Gerade diesen Satz hätte Hitler am Abend des 21. Juni 1941 herausbringen sollen (und wenn er noch auf den Gedanken gekommen wäre, sich an dem Abend zu erschießen, ohne auf den 30. April 1945 zu warten – wäre es der ganzen Welt bedeutend besser gegangen). Die Luftwaffe, deren Einheiten einen Krieg von Brest am Bug bis Brest an der atlantischen Küste Frankreichs, von Nordafrika bis Nordnorwegen führten, hatte keine „unendlichen Rabenreihen“ der Flugzeuge. Sogar für den Schlag auf ein so wichtiges Ziel wie der Hauptstützpunkt der Schwarzmeerflotte konnten die Deutschen zumindest eine komplette Bomberstaffel nicht aufstellen. Jagdflugzeuge, die imstande waren, Bombenflugzeuge auf einem weiten Flug zu der Krimküste zu decken, hatten die den Deutschen im Sommer 1941 gar nicht. Gerade aus diesem einfachen Grund fand „der erste vernichtende Schlag“ auf die Schiffe, Stützpunkte und Flugplätze der Schwarzmeerflotte nicht statt.

         Der erste Schlag (richtiger gesagt – ein Mückenstich) der Luftwaffe wurde im Juni 1941 der letzte. Schon am nächsten Tag dachten die Deutschen auf dieser Strecke nicht mehr an Nachtflüge in Richtung Sewastopol…

 

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