Kapitel 27. Vernichtende "Verlagerung"

        Jetzt sind wir dazu gekommen, daß jetzt schon die höchste Zeit ist, sich darüber im klaren zu sein: warum der Autor mit solcher Beharrlichkeit „eine offene Tür einrennt“, indem er das beweist, worüber niemand und nie gestritten hat. Und wirklich wurde die Tatsache, dass riesige Flugzeugverluste durchaus nicht in Luftkämpfen, sondern vorwiegend am Boden erlitten wurden, von niemandem bestritten.  

        Das Problem besteht darin, dass hinter den Worten „auf Flugplätzen zerstört“ viele verschiedene Ereignisse stecken können. Zum Beispiel, fallen feindliche Bombenflugzeuge über einen „ruhig schlafenden“ Flughafen her. So etwas darf in den Luftstreitkräften nicht passieren, weil kein Truppenteil einmal „ruhig schläft“– in jedem Truppenteil gibt es einen diensthabenden Offizier, Stubendienst, Wache, Wachpersonal usw. Um so mehr konnte nichts Ähnliches in Jagdregimenten der Luftwaffe in westlichen Grenzbezirken geschehen, die am 18 – 21. Juni 1941 alle notwendigen Anweisungen über die Erhöhung der Kampfbereitschaft, Verteilung und Tarnung der Flugzeuge u.a. bekommen hatten. Darüber hinaus wurden fast alle um 2 - 3 Uhr Nachts am 22. Juni alarmiert. Wenn in Wirklichkeit alles anders passierte, als es hätte sein müssen, so muss man als Grund der Zerschlagung nicht „den feindlichen überraschenden Überfall“, sondern verbrecherische Fahrlässigkeit des Oberkommandos betrachten.

         Eine andere Situation: der Feind überfällt einen Flughafen mit großen Kräften und zerstört die meisten Flugzeuge trotz des erbitterten Widerstandes des auf dem Flugplatz stationierten Truppenteils. So etwas passierte in der Geschichte des 2. Weltkrieges äußerst selten und ging mit noch höheren Flugzeug- und Fliegerverlusten des Angreifers einher. Was den 22. Juni 1941 angeht, so konnte der Autor dieses Buches keine derartige Episode finden. Vielleicht passierte etwas Ähnliches auf den Flugplätzen der Jagdregimente der 10. gemischten Fliegerdivision (d.h. dort, wo im Bereich des Hauptstoßes der Heeresgruppe „Mitte“ die stärksten Luftwaffenkräfte konzentriert wurden). Vielleicht bedarf diese Frage einer weiteren Klärung. In allen anderen Fällen erfolgten Luftangriffe der deutschen Luftwaffe in kleinen Gruppen – von einer Kette bis zu einer Staffel (d.h. von 4 bis 12 Flugzeugen), und beim organisierten Widerstand führten sie zu den geringsten, manchmal auch einzelnen Verlusten des Verteidigers. 

        Die dritte mögliche Situation: Auf dem Flugplatz gibt es viele Menschen, viele Flugzeuge, viele Kommandeure, aber es gibt keinen Truppenteil, d.h. diese „viele Menschen“ handelt nicht als ein an eine Vorschrift, einen Befehl, Bestimmungen des Fahneneids gebundene Ganzheit. Im Gegenteil: alle Befehle, Weisungen und Vorschriften wurden ignoriert, Flugzeuge stehen in der Mitte des Flugfeldes „Flügel an Flügel“, die Hälfte des Personals ist „in der Stadt bei Verwandten“, der Rest läßt sofort bei den ersten Schüssen einen 1,5-Tonnen-Kraftwagen an und fährt weg. Danach beschießt eine deutsche Flugzeugkette im Tiefflug langsam und fleißig die Flugzeuge, die auf dem Flugfeld liegen gelassen wurden. Beispiele für eine solche (oder ähnliche) verbrecherische Untätigkeit, Fahrlässigkeit und tatsächliche Fahnenflucht kommen leider in großem Ausmaß zum Vorschein.

        Es gibt noch eine Variante der „Flugzeugzerstörung am Boden“. Und zwar: auf einem vor ein paar Tagen (oder Wochen) besetzten Flugplatz der sowjetischen Luftwaffe kommt eine Gruppe des deutschen rückwärtigen Dienstes an, die aus einem Feldwebel und 2 Soldaten besteht. Der Feldwebel zählt lässig die liegen gelassenen Flugzeuge „an den Schwänzen“ ab, danach gießen die Soldaten Benzin aus den Tanks auf den Boden ab und lassen ein Feuerzeug schnappen…Kann das auch „Zerstörung am Boden“ heißen? Um so mehr, wenn der Feldwebel aus dem Bodendienst der Luftwaffe kommt (und es war höchstwahrscheinlich so), so können diese Flugzeuge als „von der deutschen Luftwaffe zerstört“ mit Recht gelten.

       Es ist äußerst wichtig hervorzuheben, dass beide kämpfenden Seiten ausgerechnet an der Übertreibung von Verdiensten der deutschen Luftwaffe interessiert waren! Selbstverständlich war es für die Deutschen (beginnend von Kommandeur eines Luftregiments und bis hin zum Doktor Goebbels) vorteilhafter, über einen „vernichtenden Angriff der Luftwaffe“, als über einen Feldwebel aus dem Hinterland zu erzählen. Selbstverständlich war es den Kommandeuren der zerschlagenen Luftregimente der Westfront, die sich für 500 km und mehr ins Hinterland absetzten, gar nicht zumute, zuzugeben, dass sie auf leeren Flugplätzen Dutzende und Hunderte funktionstüchtige Kampfflugzeuge liegen lassen hatten. In der Situation, wenn auf dem Gefechtsfeld der Feind gewonnen hat und das übergeordnete Kommando in der Tat keine Möglichkeit hatte, die Glaubwürdigkeit ihrer Berichte und Meldungen zu prüfen, passte die Fassung „Kriegsgerät sei durch konsequente Luftangriffe Schüssen großer Einheiten der feindlichen Luftwaffe auf dem Flughafen zerstört worden“ am besten.  Selbstverständlich haben sowjetische „Historiker“, die ihre akademischen Titel und Ämter für die Beschreibung des „in der Geschichte beispiellosen Massenheldentums“ bekommen haben, die Glaubwürdigkeit solcher Berichte nicht geprüft…

         Übrigens hatten „Historiker“ einigermaßen Recht. Um die Fahnenflucht handelt es sich, wenn keine Befehle gegeben wurden. Wurde ein Befehl gegeben, dann verwandelt sich die Fahnenflucht in eine ziemlich rechtmäßige Verlagerung. Wurde also ein Befehl gegeben? Das ist noch ein „Rätsel vom Juni 1941“. Auf jeden Fall lässt das flächendeckende Vorhandensein dieser Erscheinung vermuten, dass es einen Befehl über den Luftwaffenabzug aus dem Kampfgebiet doch gab. 

        Kommen wir noch einmal auf die Monographie „Kampfhandlungen der Truppen der 4. Armee“ zurück. In diesem Buch, das 1961 mit Vermerk „vertraulich“ herausgegeben wurde, schreibt der Generaloberst L.M. Sandalow (am Kriegsbeginn – Oberst, Stabchef der 4. Armee) mit epischer Gelassenheit:

"Der Oberbefehlshaber des Brigadebezirkes der Luftverteidigung Kobrino setzte sich zusammen mit der ihm  unterstellten 218. Luftabwehrabteilung und anderen Teilen am 23. Juni nach Pinsk und später ins Hinterland ab. Der Kommandeur der 10. gemischten Fliegerdivision setzte sich zusammen mit dem Stab und den Resten der Luftregimente mit  Genehmigung des Frontstabs nach Pinsk am 22. Juni  und am 24. in die Nähe von Gomel ab".  (34)

        So ein komischer Krieg. Nicht nur Lufteinheiten, sondern auch die bodengestützte Luftverteidigung werden hastig „ins Hinterland verlagert“, zumal in derselben Zeit, wenn die deutsche Luftwaffe über dem Gefechtsfeld buchstäblich wütet. Gomel befindet sich 500 km östlich von Brest. Die Deutschen besetzten den Raum Gomel erst am 17-19 August, fast  2 Monate nach dem Kriegsbeginn. Die Verlegung nach Gomel half den Resten der 10. gemischten Fliegerdivision sicher den „Schlägen“ auszuweichen und beraubte die Reste der 4. Armee ebenso garantiert jeglicher Luftunterstützung. Aber wer mußte dann diesen „Schlägen“ standhalten? Mobilisierte Kolchosbauern mit Mosin-Dreiliniengewehren?  Und was besonders komisch ist: Sandalow bestätigt, dass diese wunderbaren „Verlagerungen“ mit Genehmigung des Kommandos der Westfront erfolgt sind!

        Ob es der Verlagerungsbefehl wirklich gegeben oder nicht gegeben wurde, schlägt ins Fach eines Staatsanwaltes. Für einen Historiker ist die Feststellung der unumstrittenen Tatsache genug, dass gerade die hastige und ungeordnete „Verlagerung“ die Hauptschuldige für die Zerstörung der Luftwaffe der Westfront geworden ist.

        Wir haben im vorigen Kapitel solch eine detaillierte Beschreibung der Erinnerungen von S. Dolguschin nicht zufällig angeführt. Seine Erzählung enthält in der Tat fast alle bedeutsamsten Momente der so genannten „Verlagerung“ und ihrer unumgänglichen Folgen. Innerhalb eines halben Tages wird das Regiment völlig hilflos: keine Munition, Tankwagen sind zurückgeblieben, Batterien sind alle, das Flugpersonal kann „weder die Hände, noch die Beine bewegen". Und das sind ganz natürliche und, was wichtig ist, vollkommen vorhersehbare Folgen der „Verlagerung“ in Anführungsstrichen. Warum? Weil, wenn man sich einen Fliegertruppenteil in Form einer „Pyramide“ vorstellt, werden die Flieger nur Stäubchen an der Spitze dieser Pyramide sein.

         Die Sollstärke einer Fliegerdivision beträgt Tausende Personen. Und all diese Personen sind in den Stellenplan der Luftwaffe nicht zufällig aufgenommen. Sie müssen tanken, laden, tarnen, reparieren, bewachen, benachrichtigen, Wetterberichte und Ersatzteile liefern…Und ein nach einer Luftschlacht stark psychisch und physisch angespannter Jagdflieger muß etwas zum Essen und Trinken bekommen und zu Bett gehen. 300 kg Benzin müssen dann andere zum Flugzeug eimerweise tragen (wenn der Tankwagen wirklich verloren ist). Und das ist keine Frage der Ambitionen oder Launen, das ist Vorschrift und gesunder Menschenverstand. Die so genannte „Verlagerung“ des Flugpersonals – getrennt von technischen und allen anderen Diensten – führt unausbleiblich zum Verlust seiner Kampffähigkeit. 

        Gibt man dem Teufel einen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Der ersten Phase der „Verlagerung“ folgte schnell (im Falle der Lufteinheiten der Luftwaffe der Westfront - schneller, als nach 2 Tagen) die zweite:  Die Flieger „setzten sich in Fahrzeuge und fuhren weg“. Oder gingen weg, was ergänzend zum Verlust der teuren Flugzeuge zum Verlust der Flieger führte, an denen es in der Kriegszeit sehr stark mangelte…

        Praktisch mit denselben Folgen verlief die „Verlagerung“ in den Luftwaffeeinheiten der Nord-Westfront. Die übriggebliebenen Dokumente des Oberkommandos der Front zeugten davon, dass sie den Prozess nicht leitete und sich das Ausmaß der urwüchsig begonnenen „Verlagerung“ kaum vorstellte. Wenn sich die LeserInnen noch erinnern, meldete der erste Bericht des Stabs der Nordwestfront vom 22.00 22.Juni 56 Flugzeuge zerstört und 32 Flugzeuge beschädigt. Am nächsten Tag am 23. Juni um 22.00 Uhr meldete der operative Bericht Nr. 03 folgende Luftwaffenverluste der Front: „zerstört wurden14 Flugzeuge, 8 davon in Mitawa, beschädigt sind 15" (9, S. 57).    

        Die Verluste scheinen minimal zu sein. Aber bereits mehrere Tage später stellt das Oberkommando der Front fest, dass die Front keine Luftwaffe mehr hat: "Die Luftwaffe der Front hat große Verluste erlitten… Wir sind nicht in der Lage, in dieser Zeit Bodentruppen zu unterstützen und zu decken sowie den Feind anzugreifen. 75% der Besatzung sind erhalten geblieben. Kriegsgerätverluste betragen 80 % (es wurde von mir hervorgehoben – M. S.)". Es ist sogar nicht klar, wann diese Meldung gesendet wurde: am Anfang ist die Absendeuhrzeit angegeben (20:35 Uhr, am 26. Juni), aber am Textende steht: "Ich bitte Sie, mir am 26.6.1941 … zur Verfügung zu stellen " (9, S. 68)

         Ein noch unansehnlicheres Bild beschreiben Dokumente der „speziellen Abteilungen“. So lesen wir in der Meldung des stellvertretenden Chefs der Verwaltung des 3. Verteidigungsministeriums F. Tutuschkin vom 8. Juli 1941:

"…Die Verlagerung auf andere Flugplätze verlief ungeordnet, jeder Divisionskommandeur handelte selbständig, ohne Anweisungen der Luftwaffe des jeweiligen Militärbezirks, jeder landete, wo er wollte, infolgedessen sammelten sich auf manchen Flughäfen  je 150 Flugzeuge an… Besatzungen, die ohne Kriegsgerät geblieben sind, faulenzten und gehen erst jetzt Kriegsgerät holen, das aber auch äußerst selten angeliefert wird… "

         Eine Woche später stellt die spezielle Meldung der 3. NKO-Verwaltung № 37738 vom 14 Juli fest: "…Die übriggebliebenen wenigen Jagdflugzeuge der Luftwaffe der  Nordwestfront sind wegen der fehlenden der für den Motorstart benötigten Druckluft außer Betrieb. Bombenflugzeuge, die zur Beseitigung der feindlichen „lebenden Kräfte“ ohne Deckung der Jagdflugzeuge geschickt werden, erleiden große Verluste sowohl bei Kriegsgerät, als auch beim Luftwaffeneinsatzpersonal.

        Die Evakuierung der Basen und Truppenteile von der Hauptkampflinie verläuft ungeordnet, das Kommando selbst legt Panik an den Tag, was größere Verluste der  Munition und technischer Ausrüstung anderer Arten verursacht… Am 6. Juli dieses Jahres wurde der 25. Luftstützpunkt der 8. Fliegerdivision aus der Ortschaft Karamiyschewo verlagert; für den Lasttransport wurden 4 Plattformen bereitgestellt, aber Oberst Sch. befahl, den Bomben- und Brennstoffvorrat zu sprengen, die vorhandenen 9 Flugzeuge zu zerstören, schnellschießende Spitalniy-Komarnitski-Bordmaschinengewehre in Brunnen zu werfen. Das wurde gemacht, und die Plattformen und Fahrzeuge wurden für die Beförderung der dem Kommando gehörenden Privatsachen benutzt (Motorräder, Fahrräder, beschädigte PKWs)…

        Die 13., 127. und 206. Luftstützpunkte ließen die meisten Vorräte angesichts der panischen Flucht auf dem vom Feind besetzten Territorium liegen, ohne dass sie Kriegsgerät vernichteten.  Der Kommandeur des 127. Luftstützpunktes auf dem Platz Grudshaj hinterließ dem Feind 5.144 Flugzeugbomben (verschiedener Typen), 442.500 Gewehrpatronen und Patronen für Bordmaschinengewehre und 10 schnellschießende Spitalniy-Komarnitski-Bordmaschinengewehre liegen gelassen. In Schauljaj wurden 18 Waggons mit Flugzeugbomben, 3 Mio. Patronen für Bordmaschinengewehre, mehrere Tonnen Benzin, Lebensmittel-, Sach- und technische Lager liegen gelassen...

        Nach Verlust ihrer Stützpunkte begnügt sich die Luftwaffe der Front mit der Versorgung mit Munition, Brennstoff und Fahrzeugen von den Lagern des Leningrader Militärbezirks, deren Vorräte, da sie für die Versorgung zweier Fronten nicht bestimmt sind, die Bedürfnisse der Luftwaffe der Nordwestfront nicht zur Gänze befriedigen können… " (151)

         Früher, am Anfang des Kapitels 24 haben wir folgende Frage formuliert: wie kann man den riesigen Unterschied in der Anzahl der auf den Flugplätzen verlorenen Flugzeuge in verschiedenen Teilen und Verbänden der Luftwaffe der Roten Armee erklären. Jetzt können wir schon eine Antwort geben. Und die Antwort ist äußerst einfach. Da der Hauptgrund für die Verluste von Flugzeugen auf den Flugplätzen die panische „Verlagerung“ war, hing auch die Anzahl der verlorenen (d.h. auf den leeren Flughäfen liegen gelassenen) Flugzeuge direkt vom Angriffstempo der Wehrmacht auf verschiedenen Gebieten der deutsch-sowjetischen Front ab. Dabei war, und es ist sehr bemerkenswert, die Abhängigkeit zwischen dem Rückzugstempo der Bodentruppen der Roten Armee und der „Verlagerung“ der Luftwaffe gegenseitig. 

         Brücken, Wege, Flußübergänge, Lager, Gefechtsstände, Verbindungsstellen muss man bei jeder bewußten Handlung – sei es Angriff, oder Defensive, oder Rückzug - aus der Luft decken. Und trotzdem, gerade bei einem Großrückzug, wenn eine riesige Zahl von Truppen Schützengräben und Deckungen verläßt und sich in gewaltige „kilometerlange Streifen“ der Marschkolonnen verwandelt, werden die Gewinnung und Aufrechterhaltung der Luftüberlegenheit zur allerwichtigsten Aufgabe. Ohne diese Aufgabe gelöst zu haben, werden die Marschkolonnen einfach zu Zielscheiben für den Beschuß durch die feindliche Luftwaffe und der Rückzug wird unweigerlich zur panischen Flucht. In den Armeen des 20. Jahrhunderts übt die Luftwaffe die Funktion einer Nachhut beim Rückzug aus (soll diese Funktion ausüben): Sie muss das Gefechtsfeld zuletzt verlassen. Im Juni 1941 wurde alles genau umgekehrt gemacht, und die in der Luft unbestraft wütende deutsche Luftwaffe wurde (was durch Tausende Nachweise bestätigt ist) zum wichtigsten Demoralisierungsinstrument der Roten Armee. Andererseits regte der ungeordnete Rückzug der Bodentruppen Kommandeure der Luftwaffe auf Schritt und Tritt zur Beschlussfassung über die schnelle „Verlagerung“ an…

         Im Bereich der Südfront war das feindliche Angriffstempo im Juni 1941 gleich Null (die flächendeckende Offensive der rumänischen und deutschen Truppen begann dort erst am 2. Juli), dementsprechend wurde die Luftwaffe der Südfront im Juni 1941 einfach nicht „verlagert“ – und im Ergebnis erwiesen sich die Luftwaffenverluste minimal. Jagdregimente der Frontluftwaffe verloren am ersten Kriegstag unwiederbringlich nicht mehr als je 1 bis 3 Flugzeuge. Ebenso bescheiden waren die Leistungen der „allgewaltigen deutschen Luftwaffe“ auch in den nächsten Tagen. Im Ergebnis war die Luftwaffe der Südfront gegenüber 3 anderen Fronten zusammengenommen an den Jagdflugzeugen (537 Stück) zum Stand am 10. Juli zahlenmäßig überlegen! (23) Ein bemerkenswertes Schicksal hat das 69. bei Odessa stationierte Jagdregiment. Dieses Regiment unter Befehl des hervorragenden sowjetischen Fliegers und Kommandeurs L.L. Schestakow wurde nicht verlagert, kämpfte 155 Tage und Nächte im Himmel über Kischinew und Odessa, und zwar mit denselben „hoffnungslos veralteten“ Jagdflugzeugen I-16, mit denen es den Krieg begann. In den Luftkämpfen schossen (besser gesagt, meldeten) die Flieger des 69. Jagdregimentes in dieser Zeit 94 deutsche und rumänische Flugzeuge ab. 

        Die Luftwaffe des Leningrader Militärbezirks der Baltischen Flotte und Nordflotte wurde in den ersten Kriegswochen auch nicht verlagert. Im Ergebnis erwies sich die Effektivität der Luftangriffe der deutschen Luftwaffe auf die Flugplätze der sowjetischen Luftwaffe als normal, d.h. sehr und sehr niedrig. Ein Musterbeispiel in dem Sinne ist das Beispiel des 13. Jagdregimentes. Zwei Staffeln dieses Jagdregiments aus der Luftwaffe der Baltischen Flotte wurden … in Finland auf der Halbinsel Hanko stationiert (nach dem ersten sowjetisch-finnischen Krieg wurde dort ein sowjetischer Marine- und Luftstützpunkt errichtet).

        Nach dem Beginn des zweiten finnischen Kriegs (am 25. Juni 1941) war der Flughafen in der Reichweite nicht nur der Luftwaffe, sondern auch der finnischen Artillerie und wurde ständig beschossen. Ausgehend von der „Logik“, mit der man uns die Zerschlagung der Luftwaffe der Westfront beschreibt, hätte dann das 13. Jagdregiment im Laufe von einigen Stunden vernichtet werden müssen. Wie zum Beispiel, das 74. Erdkampfflugzeug-Regiment aus der Division von Below. In der Tat kämpfte das 13. Jagdregiment auf der Halbinsel Hanko bis zum Spätherbst 1941. Im März 1942 wurde dieses Regiment als eines der besten in der sowjetischen Luftwaffe ins 4. Garderegiment umbenannt. Mehr als anderthalb Jahre (bis zum Januar 1943) führte das Regiment erfolgreiche Luftkämpfe mit ziemlich abgenutzten „I-16“, und wie - nur im Laufe eines Monats, vom 12. März bis zum 13. April 1942, meldete das 4. Gardejagdregiment die Zerstörung von 54 deutschen Flugzeugen, indem es nur 2 Flugzeuge I-16 verlor. (25, 32)

         Nicht so schnell, wie es das deutsche Oberkommando wollte, drangen die Truppen der Heeresgruppe „Süden“ tiefer in die Ukraine vor. Im Ergebnis wirkte dort das „Wundermittel“ (Angriff auf Flughäfen) mit großen Vorbehalten, wie bereits oben angemerkt, und die Luftwaffe  der Südwestfront verlor im Laufe der ersten Kriegswoche „nur“ ein Fünftel der ursprünglichen Anzahl ihrer Flugzeuge. Sehr klar ist der Zusammenhang zwischen den Handlungen (dem Rückzug) der Bodentruppen und der Dynamik der Luftwaffenverluste auf verschiedenen  Gebieten der Südwestfront zu sehen. Zum Ende Juni „verschwinden“ aus den Berichten über die Kampfhandlungen und die zerstörten feindlichen Flugzeuge Fliegerdivisionen des rechten Frontflügels (des Nordflügels) (die 14. gemischte Fliegerdivision, die 15. gemischte Fliegerdivision, die 16. gemischte Fliegerdivision); danach wurden in der ersten Julihälfte von der Rückzugswelle der südlichen Frontflanke die im Juni übriggebliebene 63. gemischte Flugzeugdivision, die 64. Jagddivision und die 44. Jagddivision verdrängt.

          Am schlechtesten war die Lage in Westweißrussland und in Baltikum, wo Panzerdivisionen der Wehrmacht in den ersten Kriegstagen von 50 bis 60 km pro Tag vorstießen – gerade dort verlief die „Verlagerung“ der sowjetischen Luftwaffe im größten Ausmaß und mit den schwersten Folgen. Und je mehr Tage und Stunden nach dem „Überraschungsangriff“ vergangen sind, desto größer sind die „Verluste“, d.h. die Anzahl der Flugzeuge, die von den Deutschen auf leeren Flugplätzen der West- und Nord-Westfront entdeckt wurden.

         Um 13:30 Uhr am 22. Juni 1941 schrieb der Generalstabchef der deutschen Bodentruppen  Generaloberst Galder in sein Tagebuch: "Unsere Luftstreitkräfte zerstörten 800 feindliche Flugzeuge". Am Ende des Tages bleiben diese Zahlen fast unverändert: "Das Oberkommando der Luftwaffe berichtete, dass 850 feindliche Flugzeuge im Laufe des heutigen Tages zerstört wurden".  Aber schon nach 3 Tagen, am Abend des 24. Juni schreibt Galder in sein Tagebuch: "Die feindliche  Luftwaffe, die sehr schwere Verluste erlitt (ungefähr 2000 Flugzeuge), wurde vollständig ins Hinterland verlagert". (12) 

           Und das ist nur der Beginn. Und noch ein paar Tage später wird die Anzahl der am 22. Juni 1941 zerstörten sowjetischen Flugzeuge von den Deutschen auf 1811 (statt 850) beziffert, wobei 1489 davon als „am Boden zerstört“ gelten. Die Leistungen der 2. Luftflotte der Luftwaffe steigen bis zum 28. Juni ums fünffache (1570 gegenüber 300 in Berichten des ersten Tages). Die Verluste der Luftwaffe der Nordwestfront „wachsen“ in den ersten 3 Kriegstagen in den deutschen Berichten ums fünfzehnfache (1500 gegenüber 100), dabei gelten 1100 davon als „am Boden zerstört“. Aber was kann man von offiziellen (vorwiegend propagandistischen) Berichten des Feindes verlangen, wenn im Sommer 1941 in Dokumenten der sowjetischen Luftwaffe solch ein im Militärwortschatz wild klingender Begriff, wie „unberücksichtigter Verlust“ erwähnt wurde. Laut dem Bericht, der vom Stabsoffizier der Luftwaffe der Roten Armee Oberst I. Iwanow erstellt wurde, betrug dieser „nicht erfasste Bestand“ bis zum 31. Juli 1941 5.240 Flugzeuge! (175)  Nachträglich schrieb man eine große Menge der verlassenen Kriegsgeräte den Folgen „des Überraschungsangriffes auf Flughäfen“ zu. Das wollte keiner bestreiten – weder deutsche Flieger (was klar ist), noch sowjetische „Historiker“ (was noch klarer ist)…

 

 

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